05 September 2021

On the Digital Age is out in paperback

A short and pithy introduction to my thinking, with extensive bibliography,
in an interview with MG Michael & Katina Michael
is now available in paperback (84 pp.):

Michael Eldred on the Digital Age: Challenges for Today’s Thinking

Available from Amazon.com, Amazon.de, Amazon.com.au and elsewhere online.

30 August 2021

Social Ontology of Whoness in paperback

A way out of ontological barbarism now in paperback (693 pp.):

Social Ontology of Whoness

Rethinking core phenomena of political philosophy

 Available at Amazon.com and Amazon.de as well as other online booksellers. 

07 May 2021

3D-Zeit und das unkalkulierbare Gewinn-Spiel

 Aus einem philosophischem Gespräch

Hier kurz zu einem entscheidenden Mißverständnis deinerseits, wenn du schreibst, daß ich "Bewegungen in der Welt grundsätzlich von Bewegungen ‘in mir’ (mental etc..)" unterscheide. Dieses “in mir” mag wohl für Husserl gelten (der stets mit Innen/Außen operiert, genauso wie Descartes und Kant), aber ich fasse die eigenartige Bewegung der Vergegenwärtigung grundsätzlich als (hermeneutisches Als) eine Bewegung der Psyche in sich selber, d.h. innerhalb der allumfassenden dreidimensionalen Zeit, die keineswegs "in mir" noch außer mir ist, eben weil sie vorräumlich ist. Die 3D-Zeit = Psyche ist nirgendwo! Und die Vergegenwärtigung ist die Bewegung innerhalb der Psyche, wodurch sie als verstehend, vernehmend auf dies oder jenes — einschließlich aber nicht ausschließlich auf sinnlich wahrnehmbare Bewegungen in der Welt — fokussiert. Die Vergegenwärtigung ist die psychische Bewegung durch die 3D-Zeit. Deshalb braucht das Dasein keine Zeit-Maschine, weil es schon eine ist. Und sie hat keine Grenze zwischen Innen und Außen zu überwinden.

Ich unterscheide zwischen der Nennung eines Phänomens und seinem ontologischen Begreifen als einer Seins- bzw. Anwesungsweise. Ohne dieses mein Verständnis der ontologischen Differenz vom hermeneutischen Als her könnte man meine Schriften der letzten Jahrzehnte alle auf den Müll kippen. Dann wäre ich ein sehr, sehr schlechter Schüler gewesen, hätte nichts begriffen...

Z.B. kann das Phänomen Geld benannt und das Geld sehr gut mit seinen verschiedenen wesentlichen Funktionen von jedem verstanden und dementsprechend verwendet werden. Aber das Geld hermeneutisch als eine Form (εἶδος = Anblick des Seins eines Seienden) des verdinglichten Werts zu begreifen, erfordert Einsicht in die (sozio)ontologische Dimension. Damit kann ich in einem nächsten Schritt den Wert (nicht bloß das Geld!) als Medium der Vergesellschaftung (schon wieder eine eigentümliche Bewegung) begreifen.

Die ontologische Auslegung Phänomens Geld als eine Form oder εἶδος des verdinglichten Werts eröffnet die Dimension, in der der Kapitalismus als eine Weise der Vergesellschaftung durch das Medium des verdinglichten Werts begriffen und praktiziert werden kann, nämlich als Verwertungsbewegung des verdinglichten Werts, die alles Wertvolle in sein Kreisen zieht. Die Verwandlung der Wertformen von Ware in Geld oder Geld in Arbeitslohn oder Leihkapital in Zinsen oder Land in Grundrente usw. erfordert jeweils Tauschtransaktionen verschiedener Art (hauptsächlich entweder ein Verkauf oder Verleih), an denen mindestens zwei beteiligt sind. Sie müssen zu einer Übereinstimmung kommen, damit die Transaktion vollzogen wird selbst dann, wenn eine der Parteien einen großen Vorteil in den Verhandlungen hat. Solche Tausch- und Leihbewegungen fallen unter die Rubrik des Vertrags unter Privateigentümern im bürgerlichen Recht.

Daß Dinge und Personen als Privateigentum und Privateigentümer erscheinen und dementsprechend behandelt werden, und daß die ganze wirtschaftliche Bewegung als unzählige Transaktionen unter Privateigentümern (einschl. der Lohnverdiener als Eigentümer ihrer eigenen Arbeitskraft) aufgefaßt wird, verschleiert, daß hermeneutisch-ontologisch gesehen die gesamte Bewegung als Bewegung des verdinglichten Werts geschieht. Die Erscheinungsform Privateigentum verdeckt den verdinglichten Wert und macht ihn unsichtbar.

Daß diese gesamtgesellschaftliche Verwertungsbewegung des verdinglichten Werts nur durch die vielen Tausch- und Leihtransaktionen vermittelt bzw. ermöglicht wird, macht diese Bewegung zu einem Gewinn-Spiel im Medium des verdinglichten Werts unter den vielen Spielern, die jeweils nach ihrer jeweiligen Einkommensart streben. Die Transaktionen finden nur als Züge im Gewinn-Spiel statt und sind wesenhaft unkalkulierbar. Die Spieler im Spiel (die wir alle sind) müssen ihre Gegenspieler gegenseitig einschätzen, um das Gewinn-Spiel zu spielen. Selbst wenn eine der Parteien versucht, die andere geschickt zu manipulieren oder zu erpressen, sind solche Versuche Teil des unkalkulierbaren Machtspiels unter den Spielern. Diese wesenhafte Unkalkulierbarkeit der Spielzüge liegt der Unberechenbarkeit und Krisenanfälligkeit der gesamtgesellschaftlichen Verwertungsbewegung zugrunde.

Die Unberechenbarkeit des Gewinn-Spiels im Medium des verdinglichten Werts unterscheidet sich also wesenhaft von der technisch-wissenschaftlichen Beherrschung von Bewegungen vielerlei Art, die sich als mehr oder weniger wirkursächlich erklärbar erweisen. (Multikausalität oder statistisch signifikante Korrelationen sind lediglich Abschwächungen einer prinzipiell angenommenen Wirkursächlichkeit.) Seit ihrer Geburt und unter dem Druck des positivistischen Denkens strebt die Wiirtschaftswissenschaft bis heute vergeblich an, "Bewegungsgesetze" (Marx) der Wirtschaftsbewegung zu entdecken.

Nun ist das wirtschaftliche Gewinn-Spiel im Medium des verdinglichten Werts exemplarisch dafür, daß die meisten Bewegungen in der Welt nicht wirkursächlich erklärbar sind, und daß die unzähligen wissenschaftlichen Versuche, sie trotzdem so zu erklären, Illusionen sind und auf Scharlatanerie hinauslaufen. Der feste Glaube an der Wirkursächlichkeit geht Hand in Hand mit dem ontologischen Entwurf der Zeit selbst als eindimensional-linear. Um die vielfältige Phänomenalität der Unberechenbarkeit von Bewegungsarten — vor allem spielerischen Bewegungsarten im Gewinn-Spiel sowie allgemeiner im Schätzspiel unter uns Menschen — angemessen hermeneutisch zu verstehen, bedarf es eines anderen Entwurfs der Zeit überhaupt, nämlich als genuiner dreidimensionalen Zeit, mit drei voneinander unabhängigen Dimensionen, die die Bewegungsfreiheit denkerisch erst ermöglichen. "Denkerisch" heiß hier lediglich: daß wir es überhaupt erst sehen und verstehen. Die Vergesellschaftung durch das Medium des verdinglichten Werts ermöglicht erst das Gewinn-Spiel und damit auch die geschichtlich spezifische bürgerliche Freiheit.

Auf diese Weise verstehe ich, wie geschichtlich ein anderer hermeneutisch-ontologischer Entwurf der Zeit selbst notwendig ist, um überhaupt zu begreifen, worin unsere menschliche Freiheit besteht bzw. bestehen könnte. Heute jedoch läuft das Denken blind und geblendet in die ganz andere Richtung des Beherrschenwollens aller Bewegung, selbst wenn es zu einem 'guten Zweck' wie z.B. der Nachhaltigkeit sein sollte.

28 April 2021

Bewegungsphänomene, Schätzspiele

Wie ist ein weiterführenderAbsprung von Heideggers frühem Denken möglich? Die eine Möglichkeit läuft über die Bewegungsphänomene. Diese kommen bei Heidegger in den Brennpunkt seiner Analysen z.B. im WS 1921/22 Phänomenologische Interpretationen zu Aristoteles: Einführung in die phänomenologische Forschung GA61, insbesondere im III. Teil
“1. Kapitel Grundkategorien des Lebens
E. Die Bewegungskategorien. Reluzenz und Praestruktion
a) Die Bewegungskategorien in der Neigung
b) Die Bewegungskategorien in der Abstandstilgung
c) Die Bewegungskategorien in der Abriegelung
2. Kapitel Die Ruinanz
Ruinanz die Bewegtheit, die das Leben in ihm, als es, für sich, aus sich heraus, d. i. gegen sich selbst »ist«”

Dies nur als grober Hinweis darauf, daß für Heidegger das "Leben" (was später in "Dasein" umbenannt wird) als (eine Art bzw. Arten von) Bewegung aufgefaßt bzw. ausgelegt wird, was wohl kaum umstritten werden kann.

Wie in meiner vorigen Post bemerkt geht es im SS 1923 GA63 ausdrücklich darum, den "Seinscharakter" des Daseins in einer passenden zusammenhängenden Begrifflichkeit auszuarbeiten, und zwar in einer "Hermeneutik der Faktizität", wobei in dieser Hermeneutik "Faktizität = jeweils unser eigenes Dasein" (GA63:21). Dabei ist das Dasein nicht der Mensch, sondern eine Seins- bzw. Anwesungsweise, die uns Menschen angeht, an der wir als Menschen teilhaben und die Heidegger auch "Existenz" nennt. Somit werden die Kategorien der traditionellen Ontologie in dieser Daseinsontologie zu Existenzialien. ("Vorhabe der Hermeneutik die eigenste Möglichkeit des Daseins, die Existenz; ihre Begriffe sind Existenzialien" (GA63:16))

"Jeweils unser eigenes Dasein" kann verstanden werden als die Existenz des einzelnen Daseins insbesondere als Selbst. Die Existenz des einzelnen Daseins jedoch ist umfassender als ein vereinzeltes Dasein, sondern — insofern das Selbst eine Selbstwelt hat — umfaßt notwendig auch das Miteinandersein als zum "Seinscharakter" des Daseins gehörig. Dies erfordert aber, daß "das eigene Dasein" eigentlich in einer Pluralität gedacht werden muß: den Einzelnen als Einzelnen 'gibt' es nur im Miteinander. Um dieses Miteinander als Seinscharakter des Daseins zu begreifen, bedarf es u.a. eines Begriffs der eigentümlichen Bewegungsart des Miteinanders, in der Dasein und Dasein sich begegnen. Die betreffende Bewegungsart ist alles andere als ein lineares Nacheinander, sei es als Aktion und Reaktion, d.h. als Interaktion, zu begreifen, sondern als ein gegenseitiges Schätzspiel, in dem die Spieler sich ständig gegenseitig schätzen, und zwar in allen möglichen Schattierungen, die die Phänomenalität des Schätzens hergibt. Von daher könnte man von einem Geschätz aller möglichen Spielarten des gegenseitigen Schätzens (τιμἠ) sprechen, das das Miteinandersein wesenhaft charakterisiert. Soweit ich sehe, hat Heidegger diese Bewegungsart des Lebens bzw. des Daseins als Schätzspiel nicht gesehen, geschweige denn ausgearbeitet.

Die Bewegungsart des gegenseitigen Schätzspiels läßt sich überhaupt nicht von der linearen Zeit des Nacheinander der Jetzte fassen, sondern bedarf als erstes der Offenheit der Gabe der dreidimensionalen Zeit, die erst die Freiheit in der existenziellen Bewegung, d.h. die Bewegungsfreiheit der Spieler im Schätzspiel, ermöglicht. Die Begegnung zwischen Dasein und Dasein ist ein gegenseitiges Geben von Schätzungen des Anderen, das als freies Interplay (Wechselspiel) zu bezeichnen ist, da die Züge in diesem Wechselspiel nicht kausal-linear erfolgen. Denn die drei zeitlichen Dimensionen sind unabhängig voneinander (was Heidegger nicht deutlich sieht), was auch den Spielern selbst viel Spielraum mit überraschenden, unkalkulierbaren Zügen läßt. Damit geht einher, daß erst mit diesem existenziellen Bewegungsbegriff es überhaupt möglich wird, die Bewegtheit des Miteinanders auch als ein Kräfte- und Machtspiel auszulegen, das gewissermaßen zur Kehrseite des gegenseitigen Schätzspiels gehört. Denn die Spieler im Schätzspiel bewegen sich durch die Äußerung ihrer Kräfte und Mächte.

Aus meiner Sicht bedarf ein phänomenal adäquater Begriff der gesellschaftlichen und politischen Macht der Gründung in der existenziellen Ontologie des gegenseitigen Schätzspiels. Soweit ich sehe, ist dies bisher nirgends — weder in der Philosophie noch in den Sozialwissenschaften — geleistet. Dabei ist das gegenseitige Schätzspiel keineswegs ein Vorgestelltes, sondern eine hermeneutische Auffassungs- und folglich eine Anwesungsweise unseres eigenen geteilten Daseins in der Bewegtheit des Miteinanders.

Das Verhältnis des Daseins zur Natur, zu den Dingen, die nicht an der Seinsweise des Daseins teilhaben, kann gleichsam als einseitiges oder verkürztes Schätzen aufgefaßt werden. Bodenschätze z.B. sind als bloße Naturressourcen vergegenständlicht und somit unterschätzt. Die Elektronen z.B. werden skrupellos ausgenützt um des Stroms willen, der als eine physische, technisch beherrschte Bewegungsart unsere eigene Lebensbewegtheit auf der Erde wesentlich unterstützt und erleichtert oder vielmehr sie in dieser modernen Weise der Bequemlichkeit erst ermöglicht. Auch die reine Bewegungsenergie der Photonen wurde von der modernen mathematisierten Physik als solche entworfen, um physische Bewegungsphänomene wirkkausal zu erklären, und so unter die wissende Herrschaft über die physische Bewegung zu bringen. Es wird nicht gefragt, ob dabei das Phänomen Photon unterschätzt worden ist, sondern nur, ob die Auffassungsweise der Photonen als reiner Bewegungsenergie effektiv ist.


25 April 2021

Zu Heideggers Vorlesung SS 1923 GA63

Wie in meiner letzten Post ausgeführt war Heidegger in seinen Vorlesungen 1919/20 GA58 m.E. gar nicht so weit, sondern eiert eher herum, um seinen Weg zu finden. Er ist noch auf der Suche nach einem "Ursprungsverstehen des Lebens" (GA58:139), das es nicht vergegenständlicht. Auch im SS 2020 Phänomenologie der Anschauung und des Ausdrucks GA59 ist er lediglich mit der "Destruktion" zweier Ansätze zur Lebensphilosophie beschäftigt: des Aprioriproblems und des Erlebnisproblems.

Erst 1923 im SS Ontologie (Hermeneutik der Faktizität) GA:63 hat er m.E. die Spur gefunden, die ihn viel weiter bringen wird, und zwar in einer hermeneutischen Ontologie der Faktizität, wobei Faktizität "das eigene Dasein als befragt auf seinen Seinscharakter" (GA63:29) bedeutet. Da erscheint eine durchdachte Begrifflichkeit, die Rede ist nicht mehr vom "Leben", sondern vom "Dasein".

"Die Hermeneutik hat die Aufgabe, das je eigene Dasein in seinem Seinscharakter diesem Dasein selbst zugänglich zu machen, mitzuteilen, der Selbstentfremdung, mit der das Dasein geschlagen ist, nachzugehen. In der Hermeneutik bildet sich für das Dasein eine Möglichkeit aus, für sich selbst verstehend zu werden und zu sein." (GA63:15)

Das je eigene Dasein bleibt von sich selbst entfremdet, solange es seinen eigenen Seinscharakter nicht versteht. Dieses Sich-selbst-Verstehen erfordert Begriffe, nämlich hermeneutisch-ontologische Begriffe, die sich an die Phänomenalität des Daseins anschmiegen und damit zu "Existenzialien" werden.

"Das »Heute« nach seinem ontologischen Charakter, als Wie der Faktizität (Existenz), kann voll erst bestimmt werden, wenn explizit das Grundphänomen der Faktizität sichtbar geworden ist: »die Zeitlichkeit« (keine Kategorie, sondern Existenzial)." (GA63:31)

Hier kommt die Zeitlichkeit, die keine Rolle in GA58 gespielt hat, zum Durchbruch, und das Grundphänomen der Faktizität des eigenen Daseins entpuppt sich als die Zeitlichkeit! Ich bin also die Zeit selbst auf meine je eigene Weise! Du bist also die Zeit selbst auf deine je eigene Weise! Existenziale betreffen nicht, was das Dasein, sondern wer jeweils das Dasein-in-der-Welt eines geschichtlichen Zeitalters ist. Viel später — in seinem Vortrag 'Zeit und Sein' (1962) — wird das Dasein insofern die vierte Dimension der offenen Zeit, als die dreidimensionale Zeit es er-reicht. 1923 ist es jedoch noch nicht so weit: "Das eigene Dasein ist, was es ist, gerade und nur in seinem jeweiligen »Da«." (GA63:29) Und dieses "Da", wie es sich herausstellen wird, ist die je eigene dreidimensionale Zeitlichkeit selbst, wie sie je eigens in ihrer jeweiligen Stimmungsresonanz erfahren wird. Diese Zeitlichkeit ist aber auch das, was wir unentrinnbar miteinander teilen, und somit die ontologisch-existenziale Grundlage alles Miteinanders, alles Wir. Die Zeitlichkeit als Offenheit des Da ist auch die geschichtliche Offenheit für den jeweiligen Seinsentwurf, d.h. für das hermeneutisch-ontologische Gerüst eines Zeitalters, wobei sich die Seinsentwurfe verschiedener Zeitalter auch überlagern können und somit 'koexistieren'. Das hermeneutisch-ontologische Gerüst erfordert eine eigene zusammenhängende Begrifflichkeit, damit der geschichtliche Geist eines Zeitalters explizit (an und für sich) ausgelegt wird. Die "Bedeutsamkeit" von GA58 wird zum "Begegnischarakter der Welt" (GA63 II. Teil, 4. Kap.)

"Es kommt auf hermeneutische Explikation an, nicht weltli­cher Bericht über das, was »los ist«." (GA63:30) Also kein unendliches soziologisches Projekt im Geist des Positivismus, das das Empirische unendlich erforscht und erzählend aufbereitet und so vor lauter Bäume den Wald nicht sehen kann.
 
Mit diesem fundamentalen Verständnis des Grundphänomens des Da des Daseins kann man sich dann weiter an andere Grundphänomene im geschichtlichen hermeneutisch-ontologischen Gerüst heranwagen, um das je eigene Dasein in seiner vollen Phänomenalität zu explizieren, d.h. auszulegen, z.B. an das Grundphänomen der Wertdinglichkeit, die nach Existenzialien, nicht nach Kategorien ruft. Diese Aufgabe wird gestellt, auch wenn Heidegger selbst dieses phänomenologisch-hermeneutische Problem nie gesehen hat. Die einfachen, alltäglich gegebenen Phänomene sollen die Führung für die Aufgaben des Denkens übernehmen und auch als Prüfstein dienen. Geschieht dies nicht, besteht die große, schon längst eingetretene Gefahr, daß die Auseinandersetzung mit Heideggers Denken in eine Gelehrsamkeit abdriftet, und sich damit in einer bloßen Heidegger-Exegese mit dem ewigen Hin-und-Her der Heidegger-Gelehrten zu verlieren. Heidegger-Exegese — wie die ganze Gelehrtenphilosophie heute überhaupt — ist ein ganz netter Zeitvertreib, aber kein schöpferisches Denken, das etwas wagt.

Zu Heideggers Vorlesung WS 1919/20 GA58

Hier einige Bemerkungen zu Heideggers Vorlesung WS 1919/20 Grundprobleme der Phänomenologie GA58. In dieser Frühphase seines Denkens ist Heidegger noch in der Auseinandersetzung mit seinem Lehrer Husserl und liegt im Clinch mit Rickert und der Marburger Schule. Er will die Vergegenständlichung von diesen Philosophien vermeiden und sich ganz nah am "Leben an sich" (GA58:29 et passim) halten, um endlich zu einer Abhebung des "Lebens an und für sich" (GA58:253 et passim) zu kommen.  Hier ist —trotz aller Polemik gegen die Dialektik in dieser Phase — die Terminologie ziemlich an Hegels Phänomenologie des Geistes angelehnt.

Mir fällt auf bei Heideggers Erörterungen des lebendigen "Erfahrens" in einer Situation und dann der Erinnerung desselben in der "Kenntnisnahme", daß er von einem "Strömen" sowohl des Erfahrens selbst als auch der Kenntnisnahme beim Erzählen, d.h. von einer kontinuierlichen Bewegung des "Mitgehens" ausgeht, statt auf ein 'Hüpfen' und 'Springen' des Geistes durch Vergegenwärtigung frei durch alle drei zeitlichen Dimensionen aufmerksam zu machen, was seine Beispiele aus dem faktischen Leben durchaus hergeben. Heideggers Denken wird diese Einischt in die eigenartige Bewegung der Vergegenwärtigung auch nie klar erlangen. Dies aber zunächst einmal nur nebenbei bemerkt.

In den MS-Seiten zum Schlußteil der Vorlesung faßt Heidegger ihren Gang und die Absicht zusammen "Die vordeutende Heraushebung der drei Charaktere »Selbstgenügsamkeit«, »Ausdruckszusammenhang«, »Bedeutsamkeit« als vorfindlich im faktischen Leben geschah in der methodischen Absicht, damit wegzeigende Motive verfügbar zu machen für ein möglichst konkretes Erfassen des Lebens selbst. Dieses Erfassen wurde angesetzt als Ursprungsverstehen des Lebens." (GA58:139)

Die drei "Charaktere" sind gut angesetzt, um möglichst nah am faktischen Leben zu bleiben, aber das "Ursprungsverstehen des Lebens" wird und kann so nicht erreicht und begriffen werden. Die Vorlesung schließt, ohne daß ein "Ursprungsverstehen des Lebens" sichtbar wird. Von seinem Ausgangspunkt und seiner Zielrichtung aus sind nur phänomenologische Einzelanalysen von "Situationen" erreichbar — etwa in einem erweiterten — da situations- statt gegenstandsbezogenen — Husserlschen Sinn. Heidegger befindet sich auf einem seiner berühmten "Holzwege". Die Ängstlichkeit gegenüber der Vergegenständlichung, die so 'selbstverständlich' in den Wissenschaften — vor allem in der Psychologie — praktiziert wird, hält ihn davon ab, eine Begrifflichkeit zu entwickeln, die "für ein möglichst konkretes Erfassen des Lebens selbst" taugt. Somit wird später — etwa in Sein und Zeit (1927) — die Bedeutsamkeit in die "Bewandtnisganzheit" (SuZ §18) des Zeugs als einen Begriff der "Weltlichkeit der Welt" (SuZ §18) verwandelt. In der Zwischenzeit gewinnen seine Auseinandersetzungen mit Platon und Aristoteles an Schärfe, so daß es ihm letztendlich möglich wird, so etwas wie den Seinsentwurf eines Zeitalters zu sehen als das "Ursprungsverstehen des Lebens". Dieser Seinsentwurf, solange er nicht explizit abgehoben wird, herrscht in einer gegebenen geschichtlichen Welt als selbstverständlich vor und 'verblendet' so die Menschen (vgl. "Verblendungszusammenhang" Adorno, der damit ausnahmsweise bezüglich der Wertdinglichkeit den Nagel auf den Kopf trifft).

Um vom Bewußtsein zum Da (der Zeitlichtung — in meiner Begrifflichkeit) zu kommen, muß Heidegger sich mehrfach denkerisch verwandeln. Die Verwandlung eines 'selbstverständlichen' geschichtlichen Weltverständnisses erfordert viel mehr als phänomenologische Einzelanalysen von Situationen. Die geschichtliche Verwandlung des Geistes selbst ergibt von sich aus eine alternative Welt. So ist der eigentliche philosophische Kampf: anders, möglichst nah an den elementarsten Phänomenen des Lebens selbst, denken zu lernen, um sie anders sehen zu können. In der heutigen "Zugrichtung des Lebens" scheint dies völlig unmöglich zu sein. Der Zug fährt weiterhin in den alten, bequemen Bahnen einer 'selbstverständlichen' Vergegenständlichung aller Wesenden, d.h. aller An- und Abwesenden in der Zeitlichtung, um all ihre Bewegungen durch Berechnung und (vorzugsweise) wirkkausale Erklärung möglichst in den Griff zu bekommen.

Mit 17 Jahren habe ich Kafkas unvollendeten Roman, Der Prozeß, zum ersten Mal in englischer Übersetzung gelesen. Er hat mich bis heute nicht losgelassen. Das war meine erste (von Kafka zur Sprache gebrachte) Erfahrung von der Fremdheit der Welt, ihrer Fragwürdigkeit, die mich letztendlich in die Philosophie führte. Nicht in eine bequeme Philosophie der 'Consolatio' und der 'Weisheit', sondern in eine des radikalen In-Frage-stellens der Selbstverständlichkeit meiner geschichtlich gegebenen Welt. Das Allerschwierigste an diesem In-Frage-stellen des Selbstverständlichen besteht darin, daß in der Erfahrung seiner bzw. ihrer jeweiligen Welt jeder und jede schon alles — sogar auch die Tiefendimension des Ontologischen — sehr gut vorontologisch versteht und deshalb nicht einsieht, warum man sich mit anscheinend banalen und selbstverständlichen Phänomenen herumschlagen müßte, um das implizite vorontologische Wissen auf die Ebene eines expliziten ontologischen Wissens zu heben.

21 March 2021

Vom Bewußtsein zum Da: Schätzung

Skizzenhaftes aus einem Dialog mit einem Philosophen-Freund

Für die geschichtliche Verwandlung des Geists vom Bewußtsein zum Da-sein, was Heidegger "Ortsverlegung" (Zähringer Seminar Fr. 07.09.73) nennt, sehe ich die Notwendigkeit, die gewaltsame Verkehrung der verschiedenen Elementarphänomene unserer Welt unter der Herrschaft des eindimensionalen Zeitverständnisses überall im Einzelnen auszuarbeiten. Mein Anspruch ist es, die phänomenologische Gewalttätigkeit des hermeneutischen Als unserer heutigen Weltauslegung unter der Herrschaft des unbedingten Willens zur Macht über jedwede Art der Bewegung/Veränderung in den verschiedenen Phänomenbereichen aufzuzeigen. Dies geht mit dem die Vorstellungsweise der Wirkkauslität ermöglichenden eindimensionalen Zeitverständnis wesentlich einher. Da sind endlose Verkehrtheiten, die aber als selbstverständlich gelebt und nicht hinterfragt werden. Mit dem Hinterfragen von anscheinenden Selbstverständlichkeiten wird auch die Möglichkeit einer Verwandlung unserer epochalen Denkweise gezeigt und praktiziert. 

Von 'drinnen' ist eine solche Verwandlung wortwörtlich undenkbar, zumal die Selbstzufriedenheit der vorherrschenden Denkweisen immer selbstzufriedener wird. Von 'drinnen' hat 'man', soweit ich sehe, zu der Vielfältigkeit der verkehrten Denkweisen phänomenologisch nichts zu sagen. Diese verkehrten Denkweisen, die Welt in ihrem Griff halten, sind nur aus dem Schritt zurück von ihnen zu erfahren. Heideggers tiefgehende Einsicht, die dem heute noch in allen Wissenschaften vorherrschenden metaphysischen Denken den Grund entzieht, kann mit einem knappen Zitat von Heidegger gesagt werden: "Sein besagt Anwesen" ('Zeit und Sein' 1962). Die phänomenologische Entfaltung dieser Grundeinsicht führt dazu, den Sinn des Seins selbst als die dreidimensionale, "ursprüngliche" Zeit zu bestimmen. Und von diesem radikalen Neuansatz heißt es dann, weiter zu denken. Denn ein alternativer hermeneutischer Entwurf eines so grundlegenden Phänomens wie der Zeit hat Konsequenzen für die Auffassungsweise aller weiteren Phänomene, d.h. für ihre Deutung-als.... 

Zugleich erfordert Heideggers Vernachlässigung gewisser Elementarphänomene auch ein Weiterdenken, das sein Denken auf eine höhere Ebene hebt, d.h. im Hegelschen Sinne dreifach aufhebt (negiert, bewahrt, erhöht). Dieser Mangel betrifft in erster Linie die Phänomenbereiche des Miteinander wie z.B. die Gerechtigkeit, die Freiheit, die Vergesellschaftung durch das Medium des verdinglichten Werts.

Die geschichtliche Verwandlung des Geists vom Bewußtsein zum Da-sein erfordert also die Überwindung der Selbstverständlichkeit, daß die Seienden 'da draußen' in der Welt Gegenstände gegenüber einem Bewußtsein sind, das sich irgendwie 'drinnen' aufhält. Für mich ist Gegenständlichkeit der hermeneutische Entwurf des Seienden als solchen für ein Bewußtseinssubjekt und innerhalb seiner Subjektivität in dem geschichtlichem Zeitalter der Neuzeit. Verwandlung unserer Denkweise schließt demnach insbesondere die Aufhebung der Innen/Außen Spaltung im subjektivistischen Denken zwischen einem inneren subjektiven Bewußtsein und einer äußeren objektiven Welt ein.

Ein Schlüssel zur Verwindung der Gegenständlichkeit in unserer  selbstverständlichen Denkweise heute liegt für mich im Phänomen der τιμή, d.h. der Schätzung, und zwar als fundamentaler Alternativentwurf zur Vergegenständlichung des Seienden im Ganzen. Diese Vergegenständlichung des Seienden wurde geschichtlich von Anfang an durch den ontotheologischen unbedingten Willen zur Macht vorangetrieben und dann ins Extem getrieben in dem, was bei Heidegger Ge-Stell heißt: die Verabsolutierung der τέχνη ποιητική, die bereits beim allerersten (Aristotelischen) Entwurf einer Bewegungsontologie ansetzt, wobei in diesem Entwurf die vielen anderen Arten der τέχναι, die die Griechen in ihrer Welt kannten, 'übersehen' wurden. Oder eher: für den Willen zur Macht über die Bewegung waren sie nicht geeignet. Seitdem heißt 'Wissenschaft' im Westen das Bestreben, Bewegungen jedweder Art zu beherrschen. 

Hingegen zeigt die Schätzung eine Offenheit für all das, was in der dreidimensionalen Zeit an- und abwest, d.h. überhaupt west, ohne unbedingt seine Bewegtheit beherrschen zu wollen. Das Wesen wird damit vollkommen verbal, d.h. beweg-lich, von der 3D-Zeit her gedacht und erfahren, es verliert seine substantivistischen Züge. Οὐσία heißt dann als Wesenheit oder vielmehr als Wesung (verbal) etwas ganz anderes als es in der ganzen metaphysischen Tradition bedeutet: nämlich, Wassein. Das Wesen der Wesenden in der 3D-Zeit wird fortan geschätzt statt zum Zweck der Herrschaft vergegenständlicht (bzw. im Ge-Stell gestellt) zu werden. Die Wesenden sind sowohl Was- als auch Werwesende, was das westliche Denken im 'ersten Entwurf' nie gedacht hat und unter dem unheimlichen Willen zur Macht nicht denken konnte. Das traditionelle metaphysische Denken war und ist bis heute immer darauf aus, alles Was- und Werseiende als Was zu denken, nämlich, als Wesen im substantivischen Sinn, und von daher ihre Bewegungen berechnend (heute zunehmend automatisiert algorithmisch) zu beherrschen. 

Für die werseienden Menschen, d.h. für uns alle, hat dieser unheimliche Wille zur Macht die Konsequenz, daß sie immer mehr zum Spielball von verschiedenen Machtspielen werden, zumal die Psychologie die Psyche selbst als eine Art Was denkt (daher der Neurowissenschaft mit ihren ungeheuren Machtbestrebungen zugänglich) und eben nicht als die Offenheit der dreidimensionalen Zeit selbst. Wir können aber auch die Wesenden egal ob als Was oder als Wer schätzen (und tun dies bereits teilweise implizit), indem wir durch Denken explizit verstehen lernen, daß sich die Wesenden in der 3D-Zeit als Zu-Schätzende öffnen. Die Öffnung der Wesenden als Zu-Schätzenden ist vermittelt eben durch die 3D-Zeit — letztlich Gabe des Ereignisses, dessen allererste Gabe die Zeitlichtung ist. Da der Herrschaftsanspruch der Vergegenständlichung in dieser alternativen Denkweise verwunden wird, werden alle unseren Lebensbewegungen mit den als Was Wesenden sowie miteinander als Werseienden zu einem Schätzspiel, wobei dieses Schätzspiel freilich auch in deformierten, abträglichen, gar zerstörerischen Spielweisen gespielt werden kann und wird. Im Miteinander ist das Schätzspiel in unserer geteilten Lebensbewegtheit ein gegenseitiges Spiel der Kräfte. 

Im Alltagsleben der Gesellschaft (kurz: Einkommenverdienen) wird das Schätzspiel im Medium des verdinglichten Werts als Gewinnspiel gespielt. Solange dieses Medium des verdinglichten Werts nicht durchschaut wird, werden wir Menschen bloß auf Spieler in einem Gewinnspiel reduziert, in dem es Gewinner und Verlierer gibt. Alle Spieler werden so oder so zu Sklaven des Strebens nach mehr und mehr. Die Alternative dazu? Einsehen zu lernen und einzusehen, daß unser alltägliches Schätzspiel nicht notwendig ein kompetitives Gegeneinander sein muß, sondern daß es die geschichtliche Möglichkeit eröffnet. daß hinter dem Schleier des verdinglichten Werts unser Schätzspiel ein unendliches Füreinander sein kann. 

Hintergrundlektüre: Das Ende der Wissenschaft und der Anfang der Weisheit

Freiheit und Blindheit


18 February 2021

Cyberworld and cybersecurity

AI in Cybersecurity colloquium hosted by Arizona State University, Institute for the Future of Innovation in Society 17/18 Feb. 2021

Expanded outline of my talk for the colloquium.

0) The distinction between a posteriori and a priori knowledge: A posteriori knowledge is so-called 'evidence-based' knowing that is based on empirical knowledge after the facts, and thus, in an important sense, comes too late.
A priori knowledge, by contrast, is knowledge of the elementary phenomena before the factual events of empirical experience. It concerns how empirical facts are already cast or framed prior to particular experience of them. A priori knowledge thus frames in advance our access to the world, i.e. how we interpret the most elementary phenomena in our age. It therefore enables insights that an empiricist mind-set, arriving after the event, cannot.

1) The bigger picture on cybersecurity from a philosophical, i.e. a priori, pre-empirical, perspective: We live in the age of progressive algorithmization of the world that thus increasingly becomes the cyberworld steered by bit-strings.
Algorithms outsource a segment of our understanding of some movement or other to the cyberworld with the aim of automatically controlling, mastering it. Bit-strings are the denizens of the cyberworld that are in constant interplay with one another, algorithms being the bit-strings that copulate with data bit-strings (in trillions of Universal Turing Machines) to compute progeny bit-strings that control movement/change of some kind, either within the cyberworld itself, where the bit-strings circulate, or in the physical world. UTMs therefore are conceived within the venerable paradigm of efficient, productive movement — everything under control! This conception is pre-empirical, and no one will ever be able go out into the cyber-network and establish the empirical existence of UTMs. Nevertheless, the cyberworld is inhabited by bit-strings in unceasing algorithmic copulation.

2) Any algorithmic bit-string in a UTM, however, can be infiltrated by a virus bit-string to alter how the movement is controlled, thus subverting the
paradigm of efficient, productive movement. Hence what was conceived as the unambiguous, dead-certain, automated control of movement via bit-string code is subverted into an ambiguous, uncertain interplay among many players injecting bits of digital code into the cyberworld. The uncontrollable interplay with which cybersecurity is concerned can be characterized as algorithmic bit-strings in antagonistic interplay (or even at war) with one another in order to usurp control over movement to the detriment of the opposing player, i.e. the adversary, who may be a state, a government agency, a company, an institution or an individual. The automated, algorithmic outsourcing of our understanding and control of movements in the world to the cyberworld that also enables the viral infection of bit-strings is a momentous, unparalleled world-historical event, by subverting, once and for all, the venerable paradigm of efficient, productive movement that is the hallmark of all Western science: automated movement controlled by a single source can now be countermanded and outsmarted by another, adversarial, automated source. If all movement in the social world is power-interplay that requires mutual estimation (in the twofold, both appreciative and depreciative, sense) to negotiate it successfully, the cyberworld of bit-strings now enables this ubiquitous power-interplay to be outsourced and thus played out also via certain things called bit-strings. Our human conflicts can now be fought out, and even automated, via bit-string surrogates.

3) Moreover, the cyberworld movement intermeshes with the augmentative movement of thingified value (roughly: anything that has a price) through whose medium, in the first place, economic interplay is played out globally today in the gainful game in which we are all players and have stakes, above all as income-earners of all kinds, starting with wage-earners. The value-form transformations that thingified value has to pass through in order to augment are facilitated by algorithmic steering in the cyberworld, e.g. supply-chain management, logistics, accounting, market information, etc. Such algorithmic control, however, cannot guarantee that the gainful game runs smoothly and surely, augmenting thingified value in its circular movement. On the contrary, th
e gainful game interplay is itself inherently uncertain since the value-form transformations themselves depend on an inherently uncertain, transactional interplay.

4) Thingified value in itself also has a social power over movement that goes beyond the global economic interplay. It exerts its power, in particular, in politics (lobbying, political donations, etc.) and is the medium also for cyber-criminality whose villainous business model employs viral bit-strings to defraud and extort thingified value from victims, including state agencies, public utilities, public health institutions as well as private persons and entities. Hence the current increasing concern over cyber-attacks and cyber-vulnerabilities in an increasingly algorithmically steered world.

5) But even apart from the dangers of cyber-attacks and illicit cyber-interplay, even in 'legitimate' interplay that is not subverted by viral bit-strings, we are all captive to thingified value as
the medium of our sociation with one another, and we are becoming increasingly controlled in our life-movements of every kind by what the algorithms, intermeshed with the turnover of thingified value, dictate what we can and cannot do. All the more reason for learning to see i) through the fetishizing veil of thingification and ii) the ambiguous, power-interplay nature of algorithmic control over movement.

Further reading:
'Turing's cyberworld of timelessly copulating bit-strings'
Movement and Time in the Cyberworld
and
Social Ontology of Whoness.

16 February 2021

Pleon Exia in den U.S.

Große Sorge habe ich um den politischen Zustand sowie die Zukunft überhaupt der U.S., auch wenn ich nicht dort lebe. In den letzten Jahren habe ich das politische Geschehen in den U.S. und speziell in Washington oft mit Entsetzen und Unglauben verfolgt, und die Diagnose von 'plutokratisch deformierter Demokratie' für mich formuliert.

Inzwischen sehe ich diese Diagnose immer noch als richtig, aber nicht wahr an. Die Wurzel der Malaise liegt nämlich viel tiefer, ja sie ist sozio-ontologischen Ursprungs: das Ideal (_idea_) des Amerikanischen Traums selbst scheint mir kein geschichtlich tragbarer sozio-ontologischer Entwurf zu sein, denn er läuft darauf hinaus, jeder und jede als willige, begierige Spieler in dem Spiel zu rekrutieren, das ich das Gewinn-Spiel nenne. Dieses Spiel wird im vergesellschaftenden Medium des verdinglichten Werts gespielt. Die Bewegtheit dieses Spiels ist die sichverwertende Bewegung des verdinglichten Werts selbst. Wir sind heute alle Spieler in diesem Gewinn-Spiel, aber in den U.S. wird dieses Spiel als der Amerikanischer Traum schlechthin bejaht. Es wird dort besonders hart als Hardball-Spiel (v.a. gegen die Schwarzen) gespielt.

Der hysterische Antikommunismus, der erfolgreich in den letzten 100+ Jahren — vor allem im Film und Fernsehen — kultiviert und indoktriniert wurde, hat die U.S.-Amerikaner vor allem sehr dumm gemacht, so daß sie nicht einmal sehen, daß sie Suckers des Gewinn-Spiels geworden sind. Die Republikaner sind unwissentlich die verbissensten Befürworter und Konservierer des höchsten Werts des Konservatismus, nämlich, der Vermehrung des verdinglichten Werts in seinen verschiedenen Wert-Formen, d.h. in ihren verführerischen Wert-Anblicken wie Privateigentum, Unternehmergewinn,
Zins, Grundrente, Grundbesitz, Aktienbesitz, Dividenden, Aktienkursgewinne, Pensionsansprüche, Lohn.

Ich nenne den Gott dieses ungehemmten, heute global gespielten
Gewinn-Spiels Pleon Exia. Der Name kommt vom Griechischen _pleonexia_, wörtlich 'mehr haben', nämlich vor allem 'immer mehr haben wollen'. So verkörpert Pleon Exia als Gott den ungehemmten Willen nach mehr und mehr verdinglichtem Wert im nicht enden-wollenden Gewinn-Spiel. Vielleicht gehen die U.S. — von innen durch das Gewinn-Spiel aufgefressen — blindlings an dieser Hardball-Spielart zugrunde. Wir alle sind blindlings dem Gewinn-Spiel ausgesetzt, solange wir die sozio-ontologische Sicht nicht erlernen.

Dazu habe ich einen Philorock-Song Pleon Exia geschrieben und aufgenommen. Die Aufnahme habe ich mit
Jeff Todd aus Fort Worth TX gemacht, Professor für europäische Sprachen und auch Saxophonist.

15 February 2021

Von Willy P. zum Quantumcomputer

Seit einigen Jahren nenne ich den unbedingten Willen zur Macht über jedwede Art der Bewegung der Kürze halber Willy P. Er ist der verborgene Gott der Technowissenschaft. Zusammen mit seinem Bruder-Gott Pleon Exia der angebetete Gott des Gewinn-Spiels beherrscht Willy P. den Zeitgeist. Dementsprechend unterwerfen wir uns alle unwissentlich diesen beiden Göttern. Was aber hat Willy P. mit der eindimensional-linearen Zeit zu tun? Antwort: alles. Vor zweieinhalb Jahrtausenden hat Aristoteles die 1D-lineare Zeit entworfen und im Einzelnen durchdacht in seiner Physik. (Die Physik als die Wissenschaft der Bewegung beansprucht heute immer noch mit Erfolg, die fundamentale Wissenschaft zu sein.) Die lineare Zeit (ob gerade oder zyklisch linear macht hier keinen Unterschied), die für die Wirkkausalität (Ursache, dann Wirkung) unerläßlich ist, ist aber von Anfang an und bis heute mit einem Widerspruch zwischen der zählbaren Unendlichkeit der diskret-gezählten Zeit einerseits und der unzählbaren Unendlichkeit der kontinuierlichen Zeitlinie andererseits behaftet. Denn für Aristoteles ist die Zeit beides! Er hat arithmetische Vorstellungen mit geometrischen Vorstellungen der Zeit als einer irgendwie physischen Größe vermengt, genauso wie heute dies noch in der Physik ohne weiteres geschieht. Insofern bleibt die Idee der linearen Zeit  inkohärent.

Seit den Anfängen der griechischen Mathematik ist diese mit der merkwürdigen Inkommensurabilität zwischen den diskreten rationalen Zahlen und dem Kontinuum der irrationalen Zahlen vertraut. Diese
Inkommensurabilität erzwingt später im 17. Jh. mit Descartes, Newton und Leibniz die Erfindung eines merkwürdigen Kalküls, nämlich der Infinitesimalrechnung, um mit der Mathematisierung der Physik als der Wissenschaft der Bewegung ernst zu machen. Denn die Infinitesimalrechnung kittet
nicht ohne Schummeln die Inkommensurabilität zwischen dem Diskreten und dem Kontinuierlichen. Das Schummeln wurde erst in der 2. Hälfte des 19. Jh. durch K. Weierstraß und R. Dedekind einigermaßen behoben. Mit Hilfe der Infinitesimalrechnung wurde nichtsdestoweniger die physische Bewegung in der kontinuierlichen, linearen Zeit durch die Differenzierung sowie die Integration berechenbar. Damit wurde einer erheblichen Machterweiterung von Willy P. Genüge getan.

Um die Jahrhundertwende jedoch wurde eine diskrete Quantisierung der Physik durch Anomalien in der Theorie der elektromagnetischen Strahlung erzwungen (unendliche Energie durch zunehmende Frequenz!). Die Planck-Konstante mußte zum großen Mißfallen der Physiker selbst eingeführt werden, um die Energie, d.h. Beweglichkeit, eines Teilchens zu quantisieren (vgl. Einsteins photoelektrische Experimente 1905). Diese Quantisierung führte letztendlich über Einstein und andere im Jahr 1925 zur Formulierung der Heisenbergschen Quantenunbestimmtheit in der Bewegung von subatomaren Teilchen: die eindeutige, wirkkausale, mathematisierte Herrschaft über die physikalische Bewegung durch die Physik war dahin und mußte zugunsten einer bloßen Wahrscheinlichkeitsberechnung der sog. 'Evolution' von mehrdeutigen dynamischen Zuständen aufgegeben werden. Es widerstrebte Einstein selber zutiefst, die eindimensionale Wirkkausalität (und damit implizit und bis heute unerkannt die eindimensionale Zeit selbst) in der Physik der Teilchen aufzugeben. Aber die Bewegung von Teilchen wie Photonen und Elektronen mußte dennoch diskret quantifiziert werden. Der latente Widerspruch zwischen den diskreten, rationalen Zahlen und dem irrationalen Kontinuum war in der Wissenschaft der Bewegung des Beweglichen offen zu Tage getreten. (Deshalb die Problematisierung des Kontinuums in den 1910er Jahren etwa durch Hermann Weyl in seinem Das Kontinuum 1918.)

Aber Willy P. wäre nicht Willy P., wenn es ihm nicht einfiel, wie die Quantenunbestimmtheit in der Teilchenbewegung doch zu einer Steigerung seiner Berechnungsmacht über die Bewegung führen könnte. Wenn die Quantenunbestimmtheit (bei extrem niedrigen Temperaturen) auf die Wahl zwischen genau zwei verschiedenen dynamischen Zuständen beschränkt werden könnte, dann hätte man Qubits, die in einem unbestimmten Zustand zwischen 0 und 1 schweben. Dieser Schwebezustand, die aus der Superposition von zwei verschiedenen Bit-Zuständen gleichzeitig, ermöglicht die parallele Berechnung mit beiden möglichen binären Bit-Werten gleichzeitig. Dies erlaubt eine exponentielle Steigerung der Anzahl der darstellbaren Konfigurationen. Mit lediglich 30 Qubits steigt die Anzahl der Konfiguration
Anzahl der darstellbaren Konfigurationenauf 2 zu der 30x2=60. Potenz (2exp(60)). Eine Berechnungskraft in dieser Größenordnung würde die Berechnungskraft aller Computer auf der Erde heute übersteigen. Im Vergleich dazu können 30 konventionelle Bits lediglich 2 zu der 30. Potenz (2exp(30)) Konfigurationen darstellen.

In den letzten paar Jahrzehnten haben wir den Einbruch der Cyberwelt in unsere Welt erfahren und stehen noch am Anfang dieser Entwicklung, in der die Cyberwelt progressiv unsere physische und gesellschaftliche Welt in sich absorbieren wird. Mit den kommenden Quantencomputern wird die digitale Berechnungskraft exponentiell steigern
mit unabsehbaren Folgen für unsere Lebensbewegungen in der Welt, denn die Quantenalgorithmen werden zunehmend kybernetisch immer stärker in unsere Lebensbewegungen eingreifen und steuern, was wir tun können und nicht tun können.

Wir werden aber dieses Geschenk von Willy P. der Bequemlichkeit halber und v.a. wegen des Versprechens der Heilung von bisher unheilbaren physischen Krankheiten dankbar annehmen. So werden wir unsere Anbetung von Willy P. unwissentlich fortsetzen, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß die eindimensional-lineare Zeit die Zeit der wirkkausalen Notwendigkeit ist, während erst die Offenheit der dreidimensionalen Zeit, woran wir bisher nicht denken, uns die Bewegungsfreiheit bietet.

Eine ausführliche Darlegung dieser Gedankenlinie ist im langen Anhang zu meinem Movement and Time in the Cyberworld enthalten.