15 February 2021

Von Willy P. zum Quantumcomputer

Seit einigen Jahren nenne ich den unbedingten Willen zur Macht über jedwede Art der Bewegung der Kürze halber Willy P. Er ist der verborgene Gott der Technowissenschaft. Zusammen mit seinem Bruder-Gott Pleon Exia — der angebetete Gott des Gewinn-Spiels — beherrscht Willy P. den Zeitgeist. Dementsprechend unterwerfen wir uns alle unwissentlich diesen beiden Göttern. Was aber hat Willy P. mit der eindimensional-linearen Zeit zu tun? Antwort: alles. Vor zweieinhalb Jahrtausenden hat Aristoteles die 1D-lineare Zeit entworfen und im Einzelnen durchdacht in seiner Physik. (Die Physik als die Wissenschaft der Bewegung beansprucht heute immer noch mit Erfolg, die fundamentale Wissenschaft zu sein.) Die lineare Zeit (ob gerade oder zyklisch linear macht hier keinen Unterschied), die für die Wirkkausalität (Ursache, dann Wirkung) unerläßlich ist, ist aber von Anfang an und bis heute mit einem Widerspruch zwischen der zählbaren Unendlichkeit der diskret-gezählten Zeit einerseits und der unzählbaren Unendlichkeit der kontinuierlichen Zeitlinie andererseits behaftet. Denn für Aristoteles ist die Zeit beides! Er hat arithmetische Vorstellungen mit geometrischen Vorstellungen der Zeit als einer irgendwie physischen Größe vermengt, genauso wie heute dies noch in der Physik ohne weiteres geschieht. Insofern bleibt die Idee der linearen Zeit  inkohärent.

Seit den Anfängen der griechischen Mathematik ist diese mit der merkwürdigen Inkommensurabilität zwischen den diskreten rationalen Zahlen und dem Kontinuum der irrationalen Zahlen vertraut. Diese
Inkommensurabilität erzwingt später im 17. Jh. mit Descartes, Newton und Leibniz die Erfindung eines merkwürdigen Kalküls, nämlich der Infinitesimalrechnung, um mit der Mathematisierung der Physik als der Wissenschaft der Bewegung ernst zu machen. Denn die Infinitesimalrechnung kittet
— nicht ohne Schummeln — die Inkommensurabilität zwischen dem Diskreten und dem Kontinuierlichen. Das Schummeln wurde erst in der 2. Hälfte des 19. Jh. durch K. Weierstraß und R. Dedekind einigermaßen behoben. Mit Hilfe der Infinitesimalrechnung wurde nichtsdestoweniger die physische Bewegung in der kontinuierlichen, linearen Zeit durch die Differenzierung sowie die Integration berechenbar. Damit wurde einer erheblichen Machterweiterung von Willy P. Genüge getan.

Um die Jahrhundertwende jedoch wurde eine diskrete Quantisierung der Physik durch Anomalien in der Theorie der elektromagnetischen Strahlung erzwungen (unendliche Energie durch zunehmende Frequenz!). Die Planck-Konstante mußte zum großen Mißfallen der Physiker selbst eingeführt werden, um die Energie, d.h. Beweglichkeit, eines Teilchens zu quantisieren (vgl. Einsteins photoelektrische Experimente 1905). Diese Quantisierung führte letztendlich über Einstein und andere im Jahr 1925 zur Formulierung der Heisenbergschen Quantenunbestimmtheit in der Bewegung von subatomaren Teilchen: die eindeutige, wirkkausale, mathematisierte Herrschaft über die physikalische Bewegung durch die Physik war dahin und mußte zugunsten einer bloßen Wahrscheinlichkeitsberechnung der sog. 'Evolution' von mehrdeutigen dynamischen Zuständen aufgegeben werden. Es widerstrebte Einstein selber zutiefst, die eindimensionale Wirkkausalität (und damit implizit und bis heute unerkannt die eindimensionale Zeit selbst) in der Physik der Teilchen aufzugeben. Aber die Bewegung von Teilchen wie Photonen und Elektronen mußte dennoch diskret quantifiziert werden. Der latente Widerspruch zwischen den diskreten, rationalen Zahlen und dem irrationalen Kontinuum war in der Wissenschaft der Bewegung des Beweglichen offen zu Tage getreten. (Deshalb die Problematisierung des Kontinuums in den 1910er Jahren etwa durch Hermann Weyl in seinem Das Kontinuum 1918.)

Aber Willy P. wäre nicht Willy P., wenn es ihm nicht einfiel, wie die Quantenunbestimmtheit in der Teilchenbewegung doch zu einer Steigerung seiner Berechnungsmacht über die Bewegung führen könnte. Wenn die Quantenunbestimmtheit (bei extrem niedrigen Temperaturen) auf die Wahl zwischen genau zwei verschiedenen dynamischen Zuständen beschränkt werden könnte, dann hätte man Qubits, die in einem unbestimmten Zustand zwischen 0 und 1 schweben. Dieser Schwebezustand, die aus der Superposition von zwei verschiedenen Bit-Zuständen gleichzeitig, ermöglicht die parallele Berechnung mit beiden möglichen binären Bit-Werten gleichzeitig. Dies erlaubt eine exponentielle Steigerung der Anzahl der darstellbaren Konfigurationen. Mit lediglich 30 Qubits steigt die Anzahl der Konfiguration
Anzahl der darstellbaren Konfigurationenauf 2 zu der 30x2=60. Potenz (2exp(60)). Eine Berechnungskraft in dieser Größenordnung würde die Berechnungskraft aller Computer auf der Erde heute übersteigen. Im Vergleich dazu können 30 konventionelle Bits lediglich 2 zu der 30. Potenz (2exp(30)) Konfigurationen darstellen.

In den letzten paar Jahrzehnten haben wir den Einbruch der Cyberwelt in unsere Welt erfahren und stehen noch am Anfang dieser Entwicklung, in der die Cyberwelt progressiv unsere physische und gesellschaftliche Welt in sich absorbieren wird. Mit den kommenden Quantencomputern wird die digitale Berechnungskraft exponentiell steigern
— mit unabsehbaren Folgen für unsere Lebensbewegungen in der Welt, denn die Quantenalgorithmen werden zunehmend kybernetisch immer stärker in unsere Lebensbewegungen eingreifen und steuern, was wir tun können und nicht tun können.

Wir werden aber dieses Geschenk von Willy P. der Bequemlichkeit halber und v.a. wegen des Versprechens der Heilung von bisher unheilbaren physischen Krankheiten dankbar annehmen. So werden wir unsere Anbetung von Willy P. unwissentlich fortsetzen, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß die eindimensional-lineare Zeit die Zeit der wirkkausalen Notwendigkeit ist, während erst die Offenheit der dreidimensionalen Zeit, woran wir bisher nicht denken, uns die Bewegungsfreiheit bietet.

Eine ausführliche Darlegung dieser Gedankenlinie ist im langen Anhang zu meinem Movement and Time in the Cyberworld enthalten. 

14 February 2021

Die Frage nach der Vergesellschaftung

 Die Frage, Wer sind wir?, habe ich bereits in einer Blogpost am 05. Februar 2021 gestellt und eine Antwort umrissen, die in einer eMail-Diskussion als angeblich unverständlich abgelehnt wurde, weil ich meine Quellen, d.h. woher ich meine Gedanken bei berühmten Philosophennamen abgestaubt, nicht angegeben habe. Durch dieses eingespielte Flohhüpfen der nicht-denkenden Gelehrsamkeit hat man sich der Anstrengung entledigt, auf dem Weg, auf dem ich auf sehr einfache Phänomene hinweise, die jeder und jede versteht, zu bleiben und nach-denkend mitzukommen. Oder bei mir nachzufragen, damit ein Gespräch entsteht.

In einem weiteren Beitrag zur erwähnten eMail-Diskussion hat ein Teilnehmer folgendes geschrieben::

"
Um Gleichheit und Solidarität empfinden zu können, dazu bedarf es eines anderen seelischen Aufbaus. Den können aber nur die pädagogisch wirksamen veränderten Sozialisationsbedingungen erzeugen. Und wer soll diese herstellen, wenn er oder sie nur einen vertikalen, inegalen ‚Gesellschaftsaufbau‘ in sich empfinden kann? Also, das alte segregative „Wir“? Oder das dissoziale libertaristische “Ich-Allein-ohne Euch“. Das fragt nach den Wandlungs- und Entstehungsräumen, in denen das Neue und die Geburt einer neuen Idee sich vorbereitet… "

Ich frage mich, wie es überhaupt heute noch möglich sein sollte, von einem "s
eelischen Aufbau" zu sprechen, der pädagogisch wirksam erzeugt, hergestellt werden sollte. Dieser Ansatz behandelt die Seele wie ein formbares Ding, das irgendwie gebaut werden könnte. Für mein Denken gehört ein solcher Ansatz zu dem unbedingten Willen zur Macht über jedwede Art der Bewegung (hier der Sozialisationsbewegung). (NB: Dieser Gedanke ist allerdings weder bei Heidegger noch bei Nietzsche zu finden. Darüber kann man ausführlich in meinen verschiedenen Aufsätzen und Büchern — insbesondere in Social Ontology of Whoness — nachlesen.) Insofern wäre der Versuch, eine neuartige, nicht-autoritäre Seele pädagogisch zu erzeugen, Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.

Auch beim wohlbekannten "
dissozialen libertaristischen “Ich-Allein-ohne Euch“" muß ich nachhaken und fragen, woher diese Dissoziation? Anscheinend  sind 'wir' alle in diesem Zeitalter einverstanden, daß 'wir' alle einzelne, vereinzelte Subjekte sind, jeweils mit einem Bewußtsein und (optional) einem Unbewußten als Innenausstattung. Davon geht sowohl jede moderne Wissenschaft als auch der Alltagsverstand selbstverständlich aus. Die Frage ist dann, wie diese so vereinzelten Bewußtseinssubjekte mit ihrer jeweiligen Innerlichkeit miteinander in einer Welt überhaupt assoziiert, d.h. vergesellschaftet, werden können, damit sie nicht dissoziiert bleiben? Oder vielmehr: die Subjekte werden so miteinander assoziiert, daß sie auch dissoziiert bleiben? Wird etwa ein Haufen Subjekte durch einen kollektiven Willen kollektiviert? Durch ein kollektives Bewußtsein? Das sind bloß hilflose Versuche, die Anomalien der Bewußtseinssubjektivität durch eine irgendwie geartete Intersubjektivität zu überwinden. Denn sie kommen zu spät: als Menschen teilen wir immer schon die Welt miteinander. Es kommt darauf an, das Menschsein selbst adäquat zu denken.

Im Alltagsleben liegt das Medium der Vergesellschaftung unbegriffen offen zu Tage. Auf den Begriff gebracht heißt es sozio-ontologisch verdinglichter Wert, oder augenscheinlich und vorontologisch bekannter: Geld. Wohlgemerkt, das Geld ist nur die eine kristalline Form oder 'Anblick' des
verdinglichten Werts, der beweglich und verwandlungsfähig ist. Ohne das Medium des sich verwertenden verdinglichten Werts — vor allem in den verschiedenen Wertformen des Einkommens — kämen alle von uns im Leben nicht aus. Eine Trivialität? Eine bloß faktische Selbstverständlichkeit? Oder aber ein bisher vernachlässigter Anlaß, über unsere Vergesellschaftung durchs Medium des verdinglichten Werts tiefer nachzudenken und auf den ontologischen Begriff zu bringen? Ohne das Vergesellschaftungsmedium des verdinglichten Werts gäbe es auch nicht das moderne Individuum mit seinem Individualismus. Das Medium assoziiert, indem es gleichzeitig dissoziiert. So wie die ältere Physik vom 19. Jh. noch am Medium des unsichtbaren Äthers hing, um mit Phänomenen der physischen Bewegung in wirkkausalen Bewegungsgesetzen klar zu kommen, sind wir als Subjekte der Gesellschaft durch ein unsichtbares Medium miteinander vergesellschaftet. Warum unsichtbar? Weil das heutige Denken gar nicht daran denkt, sondern stets bemüht ist, (vor allem wissenschaftlich) lediglich Erklärungen für die Bewegungen in der Welt zu liefern, statt die Seinsweisen der Phänomene selbst einfach in den Blick zu nehmen — d.h. hier: die Wert-Form (_idea_, _eidos_, Anblick) als Seinsweise. Für bloße Erklärungen reicht es schon aus, das faktisch Seiende positivistisch in den Blick zu nehmen, und all die modernen Wissenschaften tun nichts anderes als dies. Insofern sind sie alle ohne Idee (_idea_, _eidos_, Anblick)!

Wenn nach der "
Geburt einer neuen Idee" gefragt wird, muß man (ich allein?) bereit sein, nach dem Menschsein selbst zu fragen, und zu hinterfragen, ob der Mensch geschichtlich auf immer und ewig 'selbstverständlich' Bewußtseinssubjekt (eine Erfindung des 17. Jh.) bleiben muß. Wenn er so bleibt, dann bleibt auch das Miteinander dieser vereinzelten Subjekte in der Welt problematisch, d.h. eigentlich nicht möglich. Kein Appell an die Solidarität, kein Sollen, kann dieses Manko jemals beheben. In meiner erwähnten Blogpost, Wer sind wir?, habe ich umrissen, daß wir in erster Linie 'wir' sind, weil wir alle, ob wir es wollen oder nicht, ob wir es wissen oder nicht, an der dreidimensional-geschichtlichen Zeit teilnehmen. Nur: diese "neue Idee" ist nicht bekannt und kann auch nicht bloß bei Heidegger nachgelesen und von daher für den Alltagsgebrauch kopiert werden. (Bei Heidegger ist diese "Idee" so auch nicht zu finden.) Vielmehr wird die "neue Idee" der dreidimensionalen Zeit gar nicht zur Kenntnis genommen. Wo sie nicht bloß ignoriert wird, wird sie mit der List der institutionalisierten Philosophie mit großem Unverständnis abgetan. Schließlich ist diese degenerierte Philosophie in unserem positivistischen Zeitalter da, um den Status quo von Willy P. und Pleon Exia (s. die nachfolgende Post) frag-los aufrechtzuerhalten. Sie hat rein apologetische Funktion und darf sich mit ihrer harmlosen Ethik weiterhin beschäftigen, denn diese stört nicht!

Daß die menschliche Psyche sich als der
dreidimensionalen Zeit zugehörig, und daß wir Menschen nur durch diese Zugehörigkeit Menschen sind, ist eine "neue Idee", die der langen individuellen wie auch geschichtlichen Einübung bedarf. Wir sind heute dieser Idee gar nicht gewachsen, und heute können wir nicht voraussehen, wohin diese "neue Idee" führen könnte, wie die Welt durch diese einfache aber radikale Idee dann völlig anders aussehen würde. Genauso legt die Entschleierung des verdinglichten Werts als Vergesellschaftungsmedium den Blick frei für das freie, d.h. das zeitlich dreidimensionale, wirkkausal unbeherrschbare, gegenseitige Wertschätzspiel, das keinerlei moderne Wissenschaft jemals wird sehen können. Auch nicht die Ethik. Warum? Weil der unbedingte Wille zur Macht über jedwede Art der Bewegung mit der von Aristoteles ererbten eindimensionalen Zeit notwendigerweise einhergeht, in deren Idee (_eidos_, Anblick) wir heute noch alle frag- und schmerzlos stecken. Die Bewegungsart des Wertschätzspiels in der dreidimensionalen Zeit als solche bleibt damit noch lange für uns unbekannt und unsichtbar.

Vertiefende Lektüre: On Human Temporality: Recasting Whoness Da Capo De Gruyter, Berlin 2024.

Social Ontology of Whoness: Rethinking Core Phenomena of Political Philosophy De Gruyter, Berlin 2018. 

05 February 2021

Parabel des Selber-Denkens

Die Parabel des Selber-Denkens: Argumentieren oder Aufzeigen?
Zitieren oder die Phänomene selbst in den Blick nehmen?

Vorausgesetzt, ich bin Mathe-Dozent und habe die Aufgabe, Physik-Studierenden die Tensoren-Mathematik beizubringen, damit sie eine Grundlage haben, um die Einsteinsche Allgemeine Relativitätstheorie zu lernen, und später als Physiker zu arbeiten. Die Tensoren-Mathematik ist eine Voraussetzung dafür, mit der berühmt-berüchtigten gekrümmten vierdimensionalen Raumzeit umzugehen. Daß ich in der Lage bin, so etwas zu tun, setzt wiederum voraus, daß meine Mathe-Lehrer mir diese Sparte der Mathematik beigebracht haben, und ich sie gut gelernt und somit einen echten Einblick habe. Eine weitere Voraussetzung ist, daß die Physik-Studierenden bereit sind, in der bekanntlich schwierigen Sprache der Mathematik Schritt für Schritt mitzukommen, um damit die Tensoren-Mathematik zu lernen, daß sie z.B. nicht abspringen, weil es so schwierig ist, der Mathe zu folgen. Man muß ja jeden Schritt des Lehrers mitverfolgen, d.h. für sich selbst klar machen, um überhaupt einen Einblick in gekrümmte Geometrien zu erhalten. Das ist nicht bloß eine Sache des 'Argumentierens' oder des 'zwingend logischen Beweisens', sondern des Einsicht-gewinnens. Alle Didaktik ist Autodidaktik.

In meinem Unterricht muß ich über den Erfinder der Differentialgeometrie, den früh verstorbenen, deutschen Mathematiker Bernhard Riemann, kein Wort verlieren. Ich kann mich nicht auf seine Autorität als Experte und Erfinder der Tensorenmathematik
um 1854 berufen, um meinen Studierenden zu überzeugen, mir zu glauben. Es nützt auch nichts, aus Riemanns Schriften zu zitieren, oder ihn als Quelle anzugeben. Nein — meine Studierenden müssen selber die Tensorensprache lernen, sich mühsam aneignen, und dadurch Einsicht in diese merkwürdigen gekrümmten Geometrien gewinnen. Mit dieser gewonnenen Einsicht erlangen sie auch ihre geistige Unabhängigkeit von mir, ihrem Lehrer, und können fortan in allen Fragen der gekrümmten Raumzeit selbständig ihre Lösungen zu physikalischen Problemen in der Allgemeinen Relativitätstheorie und moderner Kosmologie suchen. 

Nun bin ich aber nicht mathematisierter Physiker, sondern Phänomenologe und philosophiere phänomenologisch. Die
Phänomenologie habe ich als Methode (und nicht als inhaltliche philosophische 'Position') über viele Jahre gelernt von meinen Lehrern, in erster Linie Hegel und Heidegger: die Phänomene selber sehen zu lernen und diese Sichtweise einzuüben. Der Blick auf die Phänomene selbst soll als der Prüfstein auf meinen Denkwegen dienen und eben nicht die Unterstützung von autoritativen Quellen. Die phänomenologische Denkweise habe ich verschiedentlich angewendet, um Marx, Platon, Aristoteles, Hegel, Heidegger u.a. in einem anderen kritischen Licht, nämlich von den Phänomenen her, zu sehen, und somit ihr Denken für mich anzueignen, auszulegen und weiterzudenken. In meiner Auseinandersetzung mit den modernen Wissenschaften philosophiere ich auch phänomenologisch. Z.B. in der Auseinandersetzung mit der Wirtschaftswissenschaft stelle ich die Frage: Was ist Geld? bzw. Was ist die Seinsweise des Geldes? Und in der Auseinandersetzung mit der mathematisierten Physik stelle ich die Frage: Was ist Bewegung und Zeit?

Auf meinen Denkwegen argumentiere ich nicht, sondern versuche, sehr einfache, elementare Phänomene dadurch aufzuzeigen, daß ich die vielen Verdeckungen, die sich über die Jahrhunderte und -tausende aufgehäuft haben und den Blick verstellen, abtrage. Die meisten Verdeckungen rühren daher, daß die in Frage stehenden Phänomene Seins- bzw. Anwesensweisen sind und eben nicht Seiendes bzw. Anwesendes. Kurz gesagt, ich 'argumentiere' nicht etwa von einer Heideggerschen Position her, und ich berufe mich nicht auf irgendwelche Philosophennamen als autoritative Quellen, um meine 'Position' und 'Ansicht' zwingend-argumentativ zu untermauern und zu sichern. So zu argumentieren ist Gelehrtengeschäft und eben nicht Philosophieren. Ich kopiere auch nicht heimlich Gedanken aus irgendwelchen Quellen. Ich habe meine Gedanken nicht 'irgendwoher', was sowieso nichts nützt. Vielmehr versuche ich auf einem mitvollziehbaren Denkweg, die einfachsten
— und deshalb schwierigsten, unscheinbarsten — Phänomene für mich und andere aufzuzeigen, z.B. das Phänomen des Wer gegenüber dem des Was, oder das Phänomen der Zeit (des Anwesens selbst), das sich seit den Anfängen des westlichen Denkens als eines der schwierigsten zu sehenden Phänomene erwiesen hat, eben weil es anscheinend so selbstverständlich einfach ist! Bis heute gilt die Zeit als eindimensional linear, und zwar abgesehen davon, ob diese Linie als gerade oder als kreisförmig vorgestellt wird.

Ob einer oder eine auf meinen verschiedenen Denkwegen mitkommt, liegt nicht in meiner Hand. Viel bequemer ist es, bei der gelehrten Doxographie zu bleiben. Meine angebotenen Denkwege scheinen wegen der Einfachheit des jeweiligen Phänomens abstrakt, d.h. sie haben wenige Bestimmungen und sind damit nicht konkret zusammengewachsen, sondern freigelegt. Das wirkt abschreckend
— besonders in unserem positivistischen Zeitalter, in dem das angeblich Konkret-Empirische stets Trumpf ist. Das Empirische als das A posteriori kommt jedoch immer zu spät, nachdem die Welt bereits a priori im Denken entworfen ist. Das aber ist eine Chance für Wagemutige!

Weitere Lektüre: Das Ende der Wissenschaft und der Anfang der Weisheit.



Wer sind wir?

Ein neulich veröffentlichter Aufsatz zur 'Globalisierung der Solidarität' von Holger Zaborowski spricht die Solidarität an als eine ausgesprochen affirmative Form des 'Wir'-Phänomens. Das Wir-Phänomen bietet oft genug einen traurigen Anblick. So erhebt sich die einfache Frage: Wer sind wir? Diese besteht aus nur drei Worten, woraus sich drei weitere Fragen ergeben:
Was heißt 'sind'?
Was heißt 'wir'?
Was heißt 'wer'?

'Sind' ist eine Beugung des Zeitworts 'Sein'. Damit kann die erste Frage mit: Was heißt 'sein'? ersetzt werden. Seit den Anfängen des westlichen Denkens mit den Griechen besagt Sein Anwesen, vom Lateinischen her: Präsenz, griechisch _ousia_. Um 'wir sind' vom Anwesen her zu sagen, ist es notwendig, das Anwesen verbal zu denken: 'Wir sind' besagt demnach: 'Wir wesen an', wobei das Wir auf eine Pluralität von zwei oder mehr hinweist. Im Anwesen steckt aber auch ein Hinweis auf die Zeit. Als Verb gedacht ist 'anwesen' das Verb bzw. Zeitwort schlechthin: 'Wir wesen an in der Zeit'. Wir alle, die wir in dieser heutigen Zeit anwesen, sind damit Zeit-Genossen, und können es auch nicht anders sein, denn wir heute Lebenden nehmen alle an unserer Zeit teil. Wir haben da keine Wahl. Somit ergibt sich eine erste, Alle umfassende, schwache Form bzw. anblickhafte Erscheinungsweise des Wir-Phänomens. Denn die Tatsache, daß wir Zeit-Genossen alle an der Zeit teilnehmen und nur als solche Teilnehmenden anwesen können, heißt keineswegs, daß wir miteinander global oder auch lokal miteinander solidarisch sind. Nichtsdestoweniger als Zeitgenossen nehmen wir alle am Geist der Zeit teil als auch an ihren verschiedenen Stimmungen. Wir sind so oder so gestimmte Teilnehmer am heutigen Zeitgeist und verstehen diesem Zeitgeist gemäß alles, was in dieser Zeit für uns anwest, so oder so bis hin zum völligen Miß- und Unverständnis. Daß wir Zeitgenossen alle die Welt aus der Verstehensweise unserer Zeit verstehen, heißt keineswegs, daß uns alle gegenseitig verstehen und die gleichen Ansichten teilen.

Die heutige Zeit gehört aber zu einem Zeitalter, das von einigen das wissenschaftliche Zeitalter genannt wird, wobei eigentlich 'naturwissenschaftlich' gemeint ist, besonders in der englischsprachigen Welt. Dieses wissenschaftliche Zeitalter, auch Neuzeit benannt, hebt spätestens im 17. Jh. an und erhält sein auffälligstes Gepräge und seine zukunftsweisende Blaupause von einem Boten des Zeitalters Namens Descartes, der mit seinem "cogito ergo sum" das moderne zugrundeliegende Subjekt mit seinem inneren Bewußtsein gegenüber einer äußeren objektiven Welt setzt. Somit ist unser heutiger Geist vom Geist des 17. Jh. geprägt, obwohl das 17. Jh. heute abwest, d.h. als abwesend anwest bzw. gewesen ist. Gewesenheit heißt nicht Vergangenheit. Gleichwohl wesen aber auch künftige Generationen bei uns in unserer heutigen Zeit als noch abwesende an. Die beiden Weisen des Abwesens von einer gewesenen oder einer künftigen Zeit her gehen uns heute an, sind so auf diese Weise anwesend, und in unserem geteilten Geist bewegen wir uns individuell vergegenwärtigend und mehr oder weniger geistesgegenwärtig ständig hin und her durch diese drei voneinander unabhängigen aber ineinander reichenden zeitlichen Dimensionen. Unsere mentale Präsenz bzw. unser geistiges Anwesen ist demnach notwendig miteinander geteilt und zeitlich dreidimensional. Wie der gestimmte Geist unseres Zeitalters entworfen und geprägt ist, prägt auch uns, und zwar individuell, auch wenn dieser Geist und die Stimmungen noch unzählige mögliche Sicht- und Schwingweisen anbieten. Soviel erst mal zu den Fragen, Was heißt Sein? und Was heißt Wir?

Die dritte einfache Frage lautet: Was heißt Wer? In der westlichen Denktradition seit den Griechen und bis heute hat eine andere Frage den entschiedenen Vorrang, nämlich: Was heißt Was? Das Wassein stand im Brennpunkt des philosophischen Fragens seit Anfang an — als _ousia_, als essentia, als Wesen, wobei die leisen Anspielungen an das Phänomen Zeit stets heruntergespielt wurden. Z.B. wurde das Menschenwesen entworfen als _to zoion logon echon_, d.h. als das Tier, das mit der Sprache bzw. Vernunft begabt ist, oder in unserem Zeitalter als das Tier, das mit einem kogitierenden inneren Bewußtsein sowie einem Unbewußten dahinter ausgestattet ist. Das Tiersein selbst war auch eine Frage des Wasseins, und heute noch verstehen wir uns wissenschaftlich als eine Spezies von Tier. Für den Menschen als Subjekt sind Bewußtsein und Unbewußtes innen verortet, während die hier angesprochene dreidimensionale Zeit 'vorortlich' bzw. 'vorräumlich' ist und die Lichtung bietet, worin alles Mögliche für uns erst an- und abwesen und z.T. auch einen ausgedehnten räumlichen Ort einnehmen kann. Die Gaben von Vernunft bzw. Bewußtsein sind vom Zeitgeist in einer geschichtlichen Zeit gegeben, und bisher sind diese Gaben als Bestimmungen des Menschseins Prägungen des Wasseins und eben nicht des Werseins. Als der Lichtung der dreidimenionalen Zeit ausgesetzt hingegen sind wir bzw. unsere miteinander geteilte Psyche die Zeit selbst. Die so gedachte Psyche ist weder Bewußtsein noch das Unbewußte.

Sofern wir alle am Zeitgeist nolens volens teilnehmen, können wir auch nicht anders denken, und somit den Menschen nicht anders als ein mit Bewußtsein begabtes Subjekt denken, es sei denn, daß das Denken zu einem radikalen, in-Frage-stellenden Denken wird, das die einfachsten, anscheinend trivialsten, übersprungensten Fragen hinsichtlich der elementarsten Phänomene stellt. Es macht auch keinen Sinn zu fordern, daß wir anders denken sollen, wenn wir dies nicht können, und wir können auch nicht anders denken, solange der Zeitgeist unseren Geist in diesem Zeitalter frag- und widerstandslos gefangen hält.

Wer sind wir aber als Wer? Oder: wie wesen wir in der Zeit als Wer an? Als Wer nehmen wir alle jeweils an unserer Zeit teil, indem auch wir in ihrer Offenheit füreinander anwesen. Wir präsentieren uns unseren Zeitgenossen und uns selbst, jeweils als wer wir sind und geworden sind. Solches Präsentieren bzw. Anwesen ermöglicht unser jeweiliges Sichzeigen in einem Anblick bzw. Sichverbergen in einem privativen Anblick, der von anderen und auch uns selbst eingeschätzt wird. Ob wertgeschätzt oder abschätzig von anderen eingeschätzt, hochgeschätzt oder unterschätzt, nehmen wir alle so oder so an diesem gegenseitigen Wertschätzspiel in unserer miteinander geteilten Zeit teil. Dabei schätzen wir auch auf uns selbst reflektierend unseren jeweilig erreichten Selbst-Stand ein in einem Spektrum von Selbstüberschätzung bis zur Selbstunterschätzung. Der Wille zum Selbst-Stand ist vertikal ausgerichtet, oft genug auf einen möglichst hohen, tumeszenten Werstand, zu dem andere hinaufblicken.

Die Spielarten des Wertschätzspiels, in dem wir jeweils zum Stehen oder Fallen als Wer kommen, und so einen Wer-Status genießen oder nicht, sind äußerst vielfältig und unvorhersehbar. Sie sind gutartig oder bösartig, fair or foul, je nachdem, wie wir uns gegenseitig schätzen, insbesondere wie wir unsere jeweiligen Fähigkeiten bzw. Kräfte und damit, was wir füreinander in der Fürsorge tun können, gegenseitig einschätzen und wertschätzen. Das gegenseitige Wertschätzspiel kann demnach füreinander, miteinander, gegeneinander oder aneinander vorbei gespielt werden. Letzteres zeigt sich im Phänomen der Gleichgültigkeit, das am anderen Ende des Spektrums der Spielarten des Wertschätzspiels zu der im obengenannten Aufsatz angesprochenen Solidarität liegt.

Damit ist die Phänomenalität des Wir- bzw. Wer-seins erst grob skizziert. Noch kein Wort zum Wertschätzspiel im fetischisierenden Medium des verdinglichten Werts, das ich das Gewinn-Spiel nenne, und eine merkwürdige Verkehrung von Wer und Was sowie die Globalisierung des Spiels erst ermöglicht. Und zu vielem mehr. Aber soviel für heute.

Weitere Lektüre: Social Ontology of Whoness.

Kapital und Technik.

23 December 2020

Modern physics built on quicksand?

The title of this post will provoke its immediate dismissal as mere polemic. Be that as it may. Let me continue. University physics departments have been increasingly renamed today as Departments of Physics and Astronomy. This signals a significant shift in the focus of physics since the 19th century, when mechanics and electromagnetic dynamics were at the centre of attention, to cosmology. This cosmology requires not only the use of huge telescopes of all kinds: ocular, radio, electromagnetic and even gravitational, as well as so-called particle colliders such as the LHC in Geneva, but also the application of ever more complex theories, starting with Einsteinian special relativity and general relativity, and even quantum dynamics requiring ever more complex mathematics. As a conservative estimate, a very able student coming from a school with competent maths and science teachers will need at least four years in an undergraduate physics degree plus four years of postgraduate work in physics to learn the mathematical foundations of advanced relativity physics and quantum dynamics. This is a prerequisite for getting comfortable with the complexities of these highly sophisticated mathematized theories of physics. These entrance barriers make of physicists working at the frontiers of modern physics a kind of small, exclusive, intellectual elite that can communicate in an unfiltered way only amongst itself. 

Physicists are therefore proud of having acquired the mathematical background to even understand modern physics. This pride spills over often enough into arrogance and smugness. After all, they are supposed to be the modern keepers of the keys to the secrets of the universe. The many popularizations of modern physics give a rough idea of some of the enigmas of modern physics such as quantum indeterminacy and space-time curvature, but it remains a rough idea that readers cannot seriously deploy in any confidently critical fashion. These critics would be ruled out of bounds, outside their area of competency, by the initiated physicists themselves. 

One could say, this is all to the good, because the physicists oversee their own work internally and mutually criticize it in prestigious peer-reviewed journals. Hence physicists put their reputation on the line if they try to publish nonsense that is either theoretically inconsistent or empirically unverifiable or both. Rigorous internal controls are then said to guarantee falsifiable scientific 'truth'. Scientific endeavour in physics is thus in the hands of competent experts in the best of all possible scientific worlds, even if the rest of us can't follow in detail what they're up to.

But isn't there something fishy going on here? Doesn't the scientific elite of physicists, along with their renowned journals, share a set of pre-given rules for critically judging the worth of scientific discovery? One can often read from physicists themselves that their science's foundations consist of mathematical theories that are treated first as merely hypothetical theoretical models, but that these models then have to be tested and verified by finding the appropriate empirical data to test the model. If the model can account for, that is, explain, the empirical facts given by the data, then it has been verified, at least for now, until new, unexpected empirical facts come along with which the existing model cannot cope. The truth of such mathematical physical models amounts to the correctness in corresponding to the given empirical facts. These empirical facts, in turn, invariably concern movement that the theoretical model needs to accurately predict to prove its mettle as a scientific theory. Hence truth is really only the correct correspondence between model and empirical data relating to movement and change. More succinctly: truth is correctness, and not the unconcealment of the phenomena themselves. Since movement and change are the focus of concern for scientific prediction, the simple phenomena themselves are conceptualized by one-line definitions as a preliminary to moving on to where the action is, namely, the movement of the physical entities concerned. In predicting motion, physics fulfils its raison d'être of usefulness for the mastery of physical motion either in the mind or practically. Empiricism and pragmatism in philosophy and scientific methodology may be regarded as synonyms, and the one is as naïvely dogmatic as the other with respect to its own ontological foundations.

Modern scientific method is ruled by the necessity of testing the validity of hypothetical theoretical models against the experimental data concerning movement and change given by the physical phenomena. Such a procedure is the hallmark of all modern science, which is thoroughly empiricist in nature because it is convinced that theories can be confirmed or confuted by comparing them with empirical data in a circular fashion that, from the outset, rules out questioning the validity of the simple a priori assumptions that already pre-form how the phenomena of concerned are accessed and grasped at all by the scientific mind. This amounts to saying that all modern science is thoroughly clueless as to its own respective ontological foundations, physics no less than economics, biology no less than sociology. It guarantees its own blindness by adhering unquestioningly to an empiricist methodology and epistemology: if the model explains the quantitative empirical facts predictively, it must be true, at least for now (cf. Popperian falsifiability). The implicit ontology of all modern science, including physics, is as naïve and simple-minded as this.

Witness, for instance, the testimony of a sophisticated physicist who has written a very good text book on relativity theory:

"A physical theory, in fact, is a man-made amalgam of concepts, definitions, and laws, constituting a mathematical model for a certain part of nature. It asserts not so much what nature is, but rather what it is like. Agreement with experiment is the most obvious requirement for the usefulness of such a theory. However, no amount of experimental agreement can ever ‘prove’ a theory, partly because no experiment (unless it involves counting only) can ever be infinitely accurate, and partly because we can evidently not test all relevant instances." (Wolfgang Rindler Relativity: Special, General and Cosmological 2nd ed. O.U.P. 2006 p.33)

What is the above-mentioned unconcealment of the phenomena themselves supposed to be, you ask. The phenomena themselves in their revealing themselves of themselves must be hindered, if at all, by the assumed hypotheses of the mathematical physical models. These hypotheses, or underlying postulates must, from the outset (a priori), obscure and distort the view provided by the models based on them. To the present day, physics lavishly praises itself for its mathematization that took off in earnest at the beginning of the 17th century with major contemporaneous figures such as Kepler and Galileo. Galileo is even the author of the leading line of the era's playbook when he pronounces that the laws of nature are written in the language of mathematics. Descartes fills this out to a full-blown script for the modern scientific age in his De Regulae or Rules. This postulation of a mathematized mode of accessing the phenomena of nature is itself not evidence-based, but posited as an (allegedly obvious) axiom entirely for the sake of gaining a purely quantitative, precalculative, predictive power of knowledge over physical motion in a unified way through simple mathematizable laws of motion, namely, Newton's.

To precalculate physical (loco)motion, Newton's laws require the mathematical operation of infinitesimal differentiation with respect to the continuous, real, time variable, t. Without this variable, it cannot even start business. Armed with this assumed 'obvious' mathematization of time, physics was off to the races with unprecedented success, that is, until it hit a road block at the end of the 19th century. Whereas for Newtonian physics, time t was an absolute variable, anomalies in the theory of electromagnetic radiation coupled with the paradoxes of the absoluteness of the movement of electromagnetic radiation (light) in a vacuum in turn forced a relativization of time itself. With Einsteinian relativity, the human being, that is, the scientific observer-subject, was cast as the receiver of electromagnetic signals bearing empirical data at a certain clock-time that the observer-subject registered on his or her clock in the pertinent inertial reference frame. Voilà! Time t had been relativized to the time registered by receipt of an electromagnetic (light) signal in a given frame of reference. 

It had also been spatialized as the path taken by the light bearing the physical information from some event or other in the universe. Such events were of interest especially with a view to calculating the motion of cosmological entities, starting with planets and stars. This spatialized time was tied to the usual three-dimensional spatial co-ordinates by mathematical constraints known as the Lorentz transformation, which resulted in the time of a physical event registered by the clock in one frame being compressed or dilated compared to the time registered by the clock in another frame. Four-dimensional space-time (x,y,z,t) was born with time t becoming the fourth dimension as a continuous, real, linear variable with respect to which equations of motion could still be differentiated. 

The extension of special relativity, in which light moves invariably in a straight line at the absolute speed of light, c, to considering the curvature of the path of light necessitated that the ties between the spatial co-ordinates and the linear time co-ordinate had to be adjusted to account for the curvature of light's path that bore the signal data determining time, t. Hence a curved space-time had to be postulated whose treatment demanded a curved geometry known as differential geometry initially developed by the German mathematician, Bernhard Riemann, who introduced Riemann tensors to cope mathematically with curvature. The focus of theoretical interest remained, of course, the quantities involved and their variation, which could still be captured by (partial and ultimately covariant) differentiation. The phenomena of space and time themselves were taken for granted as self-evident to physical common sense. Only their mathematization was mysterious. For how could space-time be curved?!

Even with the advent of quantum mechanics, whose quantization was forced on physics by anomalies in the theory of electromagnetic radiation, i.e. again: of light, whereupon light (now conceived as nuggets of pure energy, i.e. as absolute, pure, massless movement) could now only be emitted in discrete Planck quanta rather than continuously. This quantization of light in photons led in the 1920s, with Heisenberg and Schrödinger, to the invention of the device of quantum indeterminacy. The motion of sub-atomic particles could no longer be uniquely causally determined, but had only a probability distribution. However, no attempt was made to break with the mathematization of time as a continuous, real, and hence differentiable variable measuring physical movement. The reason is simple: since its inception with Aristotle and his predecessors, physics has always been about investigating the movement of all that is movable, changeable (_kinoumena_). That is the definition of physics: the science of movement, whereby with Aristotle at least, this movement comprised not only locomotion (change of place), but also change of quality, change of quantity and change of entity itself (propagation). Modern mathematized physics started with the simplest kind of movement, namely (loco)motion, that was most amenable to mathematization. To the present day, physics hangs on for dear life to continuous, real, linear, differentiable time, even though the mathematical operation of differentiation itself becomes increasingly round-about, culminating in the covariant differentiation applicable to general relativity theory.

Convenience for the sake of mathematization, however, can hardly be the criterion for choosing a conception of time. (Linear equations in maths are easy to work with; non-linear equations make things complicated.) Nor is it beyond question that time as a phenomenon in its own right is merely derivative of phenomena of movement and motion. A continuous, real variable t is still basically only a counted time counted off one kind of movement or other. This circumstance, in turn, is dictated by physics' undivertible interest in predicting movement, thus gaining calculative power over it. Is the decision regarding the conceptualization of a phenomenon as fundamental and elementary as time to be dictated by the will to power over movement? What if it were instead the case more fitting the truth of phenomena of movement that it is time — now as three-dimensional time — which enables all kinds of movement to be conceived and understood by us humans as movement in the first place? For a modern physicist, such considerations are totally out of bounds because it is a recipe for declaring a modesty with respect to the knowledge claims of physics, instead of puffing oneself up as one who is investigating the deepest truths of the universe and where 'we' supposedly 'came from'. As it turns out, such alleged deep truth amounts to only the correctness of factual observation under certain restrictive assumptions concerning how the phenomena of concern are accessed and conceived. In particular, the violence done to the phenomenon of time ultimately does violence to our very conception of ourselves as human beings. 

We have thus been caught in the inexorable progress of linear time in one dimension as what-beings that (not who) are themselves one-dimensional. We are, however, if we open the question of time, beings exposed to the openness of three-dimensional time that enables our freedom of movement. Without a proper conception of three-dimensional time there can be no well-founded conception of human freedom. By contrast, modern physics is built on ontological quicksand and must be unfrocked as obscuring the view of the phenomena themselves through unbridled mathematization for the sake of its self-aggrandizement.

Further reading: Movement and Time in the Cyberworld


06 December 2020

Zu Albrechts "Der Geldbegriff zwischen Hermeneutik und Phänomenologie"

Sascha Erich Albrecht hat 2018 eine Dissertation mit dem Titel Der Geldbegriff zwischen Hermeneutik und Phänomenologie: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Moderne zwischen Martin Heidegger, Alfred Sohn-Rethel und Hannah Arendt eingereicht. Der Autor setzt sich kurz mit einer früheren (2000) Arbeit von mir, Kapital und Technik: Marx und Heidegger, auseinander. (Die neueste Fassung dieses Buches ist von 2015.) Das Hauptanliegen meiner Abhandlung ist es, den grundlegenden Unterschied zwischen dem von Heidegger artikulierten Wesen der Technik (dem sog. "Gestell") und dem Wesen des Kapitals herauszuarbeiten, das ich  — von einer gewissen phänomenologischen Auslegung der berühmten Marxschen Wertformanalyse ausgehend — als das "Gewinnst" in der früheren Arbeit bzw. als das "Gewinnspiel" in der 2015 Ausgabe begreife. Albrecht lehnt diesen kritischen Ansatz ab. Er schreibt dementsprechend gegen Schluß seiner Arbeit:

"Die vorliegende Untersuchung [die Dissertation] legt jedoch nahe, die Entfremdung im Marxismus nach Sohn-Rethel und Heidegger im Wesentlichen als deckungsgleich auszulegen. Dies ermöglicht erst das Zusammenfügen des Marxschen und Heideggerschen Denkens mit Hinblick auf das Geld als Erkenntnisleistung. Da Eldred im Zuge seiner Grundannahme der Unvereinbarkeit der Entfremdung bei Heidegger und Marx dieser Weg versperrt bleibt, sieht er das Geld als Mittel, durch das der Mensch erst die Dinge in einem berechnenden Horizont wahrnimmt. Deutlich wurde jedoch an obiger Stelle, dass die Annahme, das Geld selbst sei der Ursprung der Herausforderung an den Menschen, verkürzt ist. Ausgehend von der Gleichursprünglichkeit von Geld und modernem wissenschaftlichen Denken ist das Geld vielmehr ein Indikator dafür, dass die Herausforderung an den Menschen schon ergangen ist." (S.180f)

Zunächst einmal: Es handelt sich nicht um irgendeine "Grundannahme", sondern um die Hermeneutik von gewissen Phänomenen. Keineswegs will ich behaupten, daß das Geld "erst die Dinge in einem berechnenden Horizont" erscheinen läßt.  "Berechnung" hat zwei grundverschiedene Bedeutungen in zwei wesensverschiedenen phänomenologischen Bewegungsontologien, die ich hier kurz erläutern möchte (siehe aber die vertiefende Lektüre unten).

Deshalb grundsätzlicher: Ich wollte und will gerade diesen Weg zu einer Zusammenfügung des Marxschen und Heideggerschen Denkens versperren! Denn es liegen hier zwei wesentlich unterschiedliche, einfache Paradigmen vor, nämlich: das Paradigma der produktiven, herstellenden Bewegung einerseits und das der Austauschbewegung andererseits. Diese beiden Bewegungsarten haben wesensunterschiedliche Ontologien. Heidegger richtet sein Augenmerk ausschließlich auf das Paradigma der _technae poiaetikae_, das Aristoteles für seine Ontologie der produktiven Bewegung verwendet. Diese Bewegungsontologie behält ihre totalisierende Vorherrschaft über das Denken bis heute. Heideggers kritischer Wesensbegriff der Technik zielt darauf, die geschichtliche Vollendung und Totalisierung der wissenden, berechnenden Herstellung in der heutigen Welt auf den Begriff zu bringen.  Für ihn sowie für die meisten seiner Leser sind _technae poiaetikae_ und _technae_ gleichbedeutend. Damit unterschlägt er stets, daß die Griechen viele verschiedenen _technai_ außer der _technae poiaetikae_ (die produktive, machende, herstellende Kunst wie z.B. das Tischlerhandwerk) — insbesondere die der _technae chraematistikae_, d.h. der geldmachenden Kunst — nicht nur kannten, sondern auch in philosophischen Schriften (vor allem Platons) thematisierten. Mit der _technae chraematistikae_ kommt das Paradigma des Austausches (_metabolae_ in einer seiner zwei grundlegenden Bedeutungen), nämlich des Warenaustausches, als einer nicht-produktiven Bewegungsart ins Spiel. Dieses Austauschspiel auf dem Markt wird im 5. Buch der Nikomachischen Ethik unter der Rubrik "Austauschgerechtigkeit" abgehandelt, und es ist gerade diese Aristotelische Abhandlung, die Marx als eine der Aristotelischen Quellen zur Ausarbeitung seiner Wertformanalyse dient.

Das Warentauschspiel auf dem Markt kann als elementares Paradigma für die Vergesellschaftung der Menschen gelten, wohl gemerkt: eine dinglich vermittelte Vergesellschaftung, deren geschichtliche Entfaltung wir heute in der vollen Blüte des globalen Kapitalismus erfahren. Weder Heidegger noch Aristoteles noch Marx haben die Ontologie des Austauschspiels ausgearbeitet, die ich mit dem Begriff des Gewinnspiels fasse, sofern es wertdinglich vermittelt ist. Das vergesellschaftende Wechselspiel unter den Menschen muß aber nicht wertdinglich vermittelt sein. In diesem Fall rede ich vom "mutually estimative interplay", d.h. vom gegenseitig ein- und wertschätzenden Wechselspiel.

Das gegenseitige Wechselspiel des Wertschätzens und vor allem seine eigentümliche Bewegungontologie als Interplay wird grundsätzlich weder von Heidegger noch von der modernen Wirtschaftswissenschaft gesehen, denn sie bleiben jeweils dem Paradigma und der Ontologie der produktiven, herstellenden Bewegung verhaftet bzw. verpflichtet. Deshalb kann z.B. der Markt in der heutigen Wirtschaftswissenschaft als bloßer "Mechanismus" der effizienten Ressourcenverteilung (miß)verstanden werden, was Albrecht affirmativ zitiert, weil sein Ansatz unwissentlich darin besteht, die wesensverschiedenen Bewegungsontologien zu nivellieren. So übernimmt er kritiklos eine weitverbreitete Selbstdefinition der Wirtschaftswissenschaft, "wonach Wirtschaft der Ausschnitt menschlichen Handelns ist, der in Verfügung über knappe Mittel zur Erfüllung menschlicher Bedürfnisse besteht" (S.181). Diese Definition ist gerade dadurch motiviert, daß die Wirtschaftswissenschaft von Anfang an immer schon auf den Erfolg der Naturwissenschaft geschielt und sich bemüht hat, sich möglichst an das Paradigma und die Ontologie der produktiven, effizienten Bewegung anzupassen, wobei sie allerdings auf die Hilfe von "speziellen mathematisch-statistischen Verfahren" (S.182) angewiesen ist, da eindeutige wirkkausale Beziehungen wie etwa in der Newtonschen Mechanik fehlen. Damit aber wird das Phänomen und die Ontologie des gegenseitig wertschätzenden Wechselspiels und seiner Vermittlung durch den verdinglichten Wert nicht nur unsichtbar, sondern auch unterdrückt. Auf diese Weise tut die Wirtschaftswissenschaft den Phänomenen mutwillig Gewalt an, um dem Paradigma der herstellenden Bewegung treu zu bleiben und ihre Wissensmacht sowie ihren Status als Wissenschaft aufrechtzuerhalten. 

Dem Schein der Wissenschaftlichkeit der Wirtschaftswissenschaft wird dadurch Vorschub geleistet, daß das Medium des verdinglichten Werts, in dem das Gewinnspiel des Kapitalismus gespielt wird, das wertschätzende Wechselspiel unter den Menschen selbst und mit der Natur verschleiert. Stattdessen werden die Wertdinge selbst fetischisiert, sie scheinen, an sich Wert zu besitzen. Deshalb erscheint die Welt des Gewinnspiels im verdinglichten Wertspiegel verkehrt. Die Fehldeutung elementarer Phänomene macht blind und hat verheerende Folgen für die Menschen sowie für die Erde. 

Im  wertdinglich vermittelten Gewinnspiel des Kapitalismus wird der Mensch zum Spieler und verliert seine neuzeitliche Wesensbestimmung als Subjekt, das der Bewegung der Welt zugrunde liegen soll. Die Setzung dieses Sollen ist ein vergebliches normatives bzw. ethisches Unterfangen in unserer heutigen Welt. Vielmehr ist das gegenseitig sich einschätzende, wertschätzende Wechselspiel unter den Menschen immer ein Kräftespiel (power play), — ob wertdinglich vermittelt oder nicht, und ob es füreinander, miteinander oder gegeneinander gespielt wird. Alle Ethik gründet damit in solchem wertschätzenden Kräftespiel, in dem Werte im weitesten Sinn auf dem Spiel stehen. Die Ethik erlangt so ihre ontologische Fundierung dadurch, daß die eigentümliche vergesellschaftende Bewegungsart des gegenseitig wertschätzenden Wechselspiels auf den Begriff gebracht wird.

Vertiefende Lektüre: On Human Temporality: Recasting Whoness Da Capo De Gruyter, Berlin 2024.

Social Ontology of Whoness: Rethinking Core Phenomena of Political Philosophy De Gruyter, Berlin 2018. 

Kapital und Technik: Marx und Heidegger (2015)

Technology, Technique, Interplay.