21 March 2021

Vom Bewußtsein zum Da: Schätzung

Skizzenhaftes aus einem Dialog mit einem Philosophen-Freund

Für die geschichtliche Verwandlung des Geists vom Bewußtsein zum Da-sein, was Heidegger "Ortsverlegung" (Zähringer Seminar Fr. 07.09.73) nennt, sehe ich die Notwendigkeit, die gewaltsame Verkehrung der verschiedenen Elementarphänomene unserer Welt unter der Herrschaft des eindimensionalen Zeitverständnisses überall im Einzelnen auszuarbeiten. Mein Anspruch ist es, die phänomenologische Gewalttätigkeit des hermeneutischen Als unserer heutigen Weltauslegung unter der Herrschaft des unbedingten Willens zur Macht über jedwede Art der Bewegung/Veränderung in den verschiedenen Phänomenbereichen aufzuzeigen. Dies geht mit dem die Vorstellungsweise der Wirkkauslität ermöglichenden eindimensionalen Zeitverständnis wesentlich einher. Da sind endlose Verkehrtheiten, die aber als selbstverständlich gelebt und nicht hinterfragt werden. Mit dem Hinterfragen von anscheinenden Selbstverständlichkeiten wird auch die Möglichkeit einer Verwandlung unserer epochalen Denkweise gezeigt und praktiziert. 

Von 'drinnen' ist eine solche Verwandlung wortwörtlich undenkbar, zumal die Selbstzufriedenheit der vorherrschenden Denkweisen immer selbstzufriedener wird. Von 'drinnen' hat 'man', soweit ich sehe, zu der Vielfältigkeit der verkehrten Denkweisen phänomenologisch nichts zu sagen. Diese verkehrten Denkweisen, die Welt in ihrem Griff halten, sind nur aus dem Schritt zurück von ihnen zu erfahren. Heideggers tiefgehende Einsicht, die dem heute noch in allen Wissenschaften vorherrschenden metaphysischen Denken den Grund entzieht, kann mit einem knappen Zitat von Heidegger gesagt werden: "Sein besagt Anwesen" ('Zeit und Sein' 1962). Die phänomenologische Entfaltung dieser Grundeinsicht führt dazu, den Sinn des Seins selbst als die dreidimensionale, "ursprüngliche" Zeit zu bestimmen. Und von diesem radikalen Neuansatz heißt es dann, weiter zu denken. Denn ein alternativer hermeneutischer Entwurf eines so grundlegenden Phänomens wie der Zeit hat Konsequenzen für die Auffassungsweise aller weiteren Phänomene, d.h. für ihre Deutung-als.... 

Zugleich erfordert Heideggers Vernachlässigung gewisser Elementarphänomene auch ein Weiterdenken, das sein Denken auf eine höhere Ebene hebt, d.h. im Hegelschen Sinne dreifach aufhebt (negiert, bewahrt, erhöht). Dieser Mangel betrifft in erster Linie die Phänomenbereiche des Miteinander wie z.B. die Gerechtigkeit, die Freiheit, die Vergesellschaftung durch das Medium des verdinglichten Werts.

Die geschichtliche Verwandlung des Geists vom Bewußtsein zum Da-sein erfordert also die Überwindung der Selbstverständlichkeit, daß die Seienden 'da draußen' in der Welt Gegenstände gegenüber einem Bewußtsein sind, das sich irgendwie 'drinnen' aufhält. Für mich ist Gegenständlichkeit der hermeneutische Entwurf des Seienden als solchen für ein Bewußtseinssubjekt und innerhalb seiner Subjektivität in dem geschichtlichem Zeitalter der Neuzeit. Verwandlung unserer Denkweise schließt demnach insbesondere die Aufhebung der Innen/Außen Spaltung im subjektivistischen Denken zwischen einem inneren subjektiven Bewußtsein und einer äußeren objektiven Welt ein.

Ein Schlüssel zur Verwindung der Gegenständlichkeit in unserer  selbstverständlichen Denkweise heute liegt für mich im Phänomen der τιμή, d.h. der Schätzung, und zwar als fundamentaler Alternativentwurf zur Vergegenständlichung des Seienden im Ganzen. Diese Vergegenständlichung des Seienden wurde geschichtlich von Anfang an durch den ontotheologischen unbedingten Willen zur Macht vorangetrieben und dann ins Extem getrieben in dem, was bei Heidegger Ge-Stell heißt: die Verabsolutierung der τέχνη ποιητική, die bereits beim allerersten (Aristotelischen) Entwurf einer Bewegungsontologie ansetzt, wobei in diesem Entwurf die vielen anderen Arten der τέχναι, die die Griechen in ihrer Welt kannten, 'übersehen' wurden. Oder eher: für den Willen zur Macht über die Bewegung waren sie nicht geeignet. Seitdem heißt 'Wissenschaft' im Westen das Bestreben, Bewegungen jedweder Art zu beherrschen. 

Hingegen zeigt die Schätzung eine Offenheit für all das, was in der dreidimensionalen Zeit an- und abwest, d.h. überhaupt west, ohne unbedingt seine Bewegtheit beherrschen zu wollen. Das Wesen wird damit vollkommen verbal, d.h. beweg-lich, von der 3D-Zeit her gedacht und erfahren, es verliert seine substantivistischen Züge. Οὐσία heißt dann als Wesenheit oder vielmehr als Wesung (verbal) etwas ganz anderes als es in der ganzen metaphysischen Tradition bedeutet: nämlich, Wassein. Das Wesen der Wesenden in der 3D-Zeit wird fortan geschätzt statt zum Zweck der Herrschaft vergegenständlicht (bzw. im Ge-Stell gestellt) zu werden. Die Wesenden sind sowohl Was- als auch Werwesende, was das westliche Denken im 'ersten Entwurf' nie gedacht hat und unter dem unheimlichen Willen zur Macht nicht denken konnte. Das traditionelle metaphysische Denken war und ist bis heute immer darauf aus, alles Was- und Werseiende als Was zu denken, nämlich, als Wesen im substantivischen Sinn, und von daher ihre Bewegungen berechnend (heute zunehmend automatisiert algorithmisch) zu beherrschen. 

Für die werseienden Menschen, d.h. für uns alle, hat dieser unheimliche Wille zur Macht die Konsequenz, daß sie immer mehr zum Spielball von verschiedenen Machtspielen werden, zumal die Psychologie die Psyche selbst als eine Art Was denkt (daher der Neurowissenschaft mit ihren ungeheuren Machtbestrebungen zugänglich) und eben nicht als die Offenheit der dreidimensionalen Zeit selbst. Wir können aber auch die Wesenden egal ob als Was oder als Wer schätzen (und tun dies bereits teilweise implizit), indem wir durch Denken explizit verstehen lernen, daß sich die Wesenden in der 3D-Zeit als Zu-Schätzende öffnen. Die Öffnung der Wesenden als Zu-Schätzenden ist vermittelt eben durch die 3D-Zeit — letztlich Gabe des Ereignisses, dessen allererste Gabe die Zeitlichtung ist. Da der Herrschaftsanspruch der Vergegenständlichung in dieser alternativen Denkweise verwunden wird, werden alle unseren Lebensbewegungen mit den als Was Wesenden sowie miteinander als Werseienden zu einem Schätzspiel, wobei dieses Schätzspiel freilich auch in deformierten, abträglichen, gar zerstörerischen Spielweisen gespielt werden kann und wird. Im Miteinander ist das Schätzspiel in unserer geteilten Lebensbewegtheit ein gegenseitiges Spiel der Kräfte. 

Im Alltagsleben der Gesellschaft (kurz: Einkommenverdienen) wird das Schätzspiel im Medium des verdinglichten Werts als Gewinnspiel gespielt. Solange dieses Medium des verdinglichten Werts nicht durchschaut wird, werden wir Menschen bloß auf Spieler in einem Gewinnspiel reduziert, in dem es Gewinner und Verlierer gibt. Alle Spieler werden so oder so zu Sklaven des Strebens nach mehr und mehr. Die Alternative dazu? Einsehen zu lernen und einzusehen, daß unser alltägliches Schätzspiel nicht notwendig ein kompetitives Gegeneinander sein muß, sondern daß es die geschichtliche Möglichkeit eröffnet. daß hinter dem Schleier des verdinglichten Werts unser Schätzspiel ein unendliches Füreinander sein kann. 

Hintergrundlektüre: Das Ende der Wissenschaft und der Anfang der Weisheit

Freiheit und Blindheit


18 February 2021

Cyberworld and cybersecurity

AI in Cybersecurity colloquium hosted by Arizona State University, Institute for the Future of Innovation in Society 17/18 Feb. 2021

Expanded outline of my talk for the colloquium.

0) The distinction between a posteriori and a priori knowledge: A posteriori knowledge is so-called 'evidence-based' knowing that is based on empirical knowledge after the facts, and thus, in an important sense, comes too late.
A priori knowledge, by contrast, is knowledge of the elementary phenomena before the factual events of empirical experience. It concerns how empirical facts are already cast or framed prior to particular experience of them. A priori knowledge thus frames in advance our access to the world, i.e. how we interpret the most elementary phenomena in our age. It therefore enables insights that an empiricist mind-set, arriving after the event, cannot.

1) The bigger picture on cybersecurity from a philosophical, i.e. a priori, pre-empirical, perspective: We live in the age of progressive algorithmization of the world that thus increasingly becomes the cyberworld steered by bit-strings.
Algorithms outsource a segment of our understanding of some movement or other to the cyberworld with the aim of automatically controlling, mastering it. Bit-strings are the denizens of the cyberworld that are in constant interplay with one another, algorithms being the bit-strings that copulate with data bit-strings (in trillions of Universal Turing Machines) to compute progeny bit-strings that control movement/change of some kind, either within the cyberworld itself, where the bit-strings circulate, or in the physical world. UTMs therefore are conceived within the venerable paradigm of efficient, productive movement — everything under control! This conception is pre-empirical, and no one will ever be able go out into the cyber-network and establish the empirical existence of UTMs. Nevertheless, the cyberworld is inhabited by bit-strings in unceasing algorithmic copulation.

2) Any algorithmic bit-string in a UTM, however, can be infiltrated by a virus bit-string to alter how the movement is controlled, thus subverting the
paradigm of efficient, productive movement. Hence what was conceived as the unambiguous, dead-certain, automated control of movement via bit-string code is subverted into an ambiguous, uncertain interplay among many players injecting bits of digital code into the cyberworld. The uncontrollable interplay with which cybersecurity is concerned can be characterized as algorithmic bit-strings in antagonistic interplay (or even at war) with one another in order to usurp control over movement to the detriment of the opposing player, i.e. the adversary, who may be a state, a government agency, a company, an institution or an individual. The automated, algorithmic outsourcing of our understanding and control of movements in the world to the cyberworld that also enables the viral infection of bit-strings is a momentous, unparalleled world-historical event, by subverting, once and for all, the venerable paradigm of efficient, productive movement that is the hallmark of all Western science: automated movement controlled by a single source can now be countermanded and outsmarted by another, adversarial, automated source. If all movement in the social world is power-interplay that requires mutual estimation (in the twofold, both appreciative and depreciative, sense) to negotiate it successfully, the cyberworld of bit-strings now enables this ubiquitous power-interplay to be outsourced and thus played out also via certain things called bit-strings. Our human conflicts can now be fought out, and even automated, via bit-string surrogates.

3) Moreover, the cyberworld movement intermeshes with the augmentative movement of thingified value (roughly: anything that has a price) through whose medium, in the first place, economic interplay is played out globally today in the gainful game in which we are all players and have stakes, above all as income-earners of all kinds, starting with wage-earners. The value-form transformations that thingified value has to pass through in order to augment are facilitated by algorithmic steering in the cyberworld, e.g. supply-chain management, logistics, accounting, market information, etc. Such algorithmic control, however, cannot guarantee that the gainful game runs smoothly and surely, augmenting thingified value in its circular movement. On the contrary, th
e gainful game interplay is itself inherently uncertain since the value-form transformations themselves depend on an inherently uncertain, transactional interplay.

4) Thingified value in itself also has a social power over movement that goes beyond the global economic interplay. It exerts its power, in particular, in politics (lobbying, political donations, etc.) and is the medium also for cyber-criminality whose villainous business model employs viral bit-strings to defraud and extort thingified value from victims, including state agencies, public utilities, public health institutions as well as private persons and entities. Hence the current increasing concern over cyber-attacks and cyber-vulnerabilities in an increasingly algorithmically steered world.

5) But even apart from the dangers of cyber-attacks and illicit cyber-interplay, even in 'legitimate' interplay that is not subverted by viral bit-strings, we are all captive to thingified value as
the medium of our sociation with one another, and we are becoming increasingly controlled in our life-movements of every kind by what the algorithms, intermeshed with the turnover of thingified value, dictate what we can and cannot do. All the more reason for learning to see i) through the fetishizing veil of thingification and ii) the ambiguous, power-interplay nature of algorithmic control over movement.

Further reading:
'Turing's cyberworld of timelessly copulating bit-strings'
Movement and Time in the Cyberworld
and
Social Ontology of Whoness.

16 February 2021

Pleon Exia in den U.S.

Große Sorge habe ich um den politischen Zustand sowie die Zukunft überhaupt der U.S., auch wenn ich nicht dort lebe. In den letzten Jahren habe ich das politische Geschehen in den U.S. und speziell in Washington oft mit Entsetzen und Unglauben verfolgt, und die Diagnose von 'plutokratisch deformierter Demokratie' für mich formuliert.

Inzwischen sehe ich diese Diagnose immer noch als richtig, aber nicht wahr an. Die Wurzel der Malaise liegt nämlich viel tiefer, ja sie ist sozio-ontologischen Ursprungs: das Ideal (_idea_) des Amerikanischen Traums selbst scheint mir kein geschichtlich tragbarer sozio-ontologischer Entwurf zu sein, denn er läuft darauf hinaus, jeder und jede als willige, begierige Spieler in dem Spiel zu rekrutieren, das ich das Gewinn-Spiel nenne. Dieses Spiel wird im vergesellschaftenden Medium des verdinglichten Werts gespielt. Die Bewegtheit dieses Spiels ist die sichverwertende Bewegung des verdinglichten Werts selbst. Wir sind heute alle Spieler in diesem Gewinn-Spiel, aber in den U.S. wird dieses Spiel als der Amerikanischer Traum schlechthin bejaht. Es wird dort besonders hart als Hardball-Spiel (v.a. gegen die Schwarzen) gespielt.

Der hysterische Antikommunismus, der erfolgreich in den letzten 100+ Jahren — vor allem im Film und Fernsehen — kultiviert und indoktriniert wurde, hat die U.S.-Amerikaner vor allem sehr dumm gemacht, so daß sie nicht einmal sehen, daß sie Suckers des Gewinn-Spiels geworden sind. Die Republikaner sind unwissentlich die verbissensten Befürworter und Konservierer des höchsten Werts des Konservatismus, nämlich, der Vermehrung des verdinglichten Werts in seinen verschiedenen Wert-Formen, d.h. in ihren verführerischen Wert-Anblicken wie Privateigentum, Unternehmergewinn,
Zins, Grundrente, Grundbesitz, Aktienbesitz, Dividenden, Aktienkursgewinne, Pensionsansprüche, Lohn.

Ich nenne den Gott dieses ungehemmten, heute global gespielten
Gewinn-Spiels Pleon Exia. Der Name kommt vom Griechischen _pleonexia_, wörtlich 'mehr haben', nämlich vor allem 'immer mehr haben wollen'. So verkörpert Pleon Exia als Gott den ungehemmten Willen nach mehr und mehr verdinglichtem Wert im nicht enden-wollenden Gewinn-Spiel. Vielleicht gehen die U.S. — von innen durch das Gewinn-Spiel aufgefressen — blindlings an dieser Hardball-Spielart zugrunde. Wir alle sind blindlings dem Gewinn-Spiel ausgesetzt, solange wir die sozio-ontologische Sicht nicht erlernen.

Dazu habe ich einen Philorock-Song Pleon Exia geschrieben und aufgenommen. Die Aufnahme habe ich mit
Jeff Todd aus Fort Worth TX gemacht, Professor für europäische Sprachen und auch Saxophonist.

15 February 2021

Von Willy P. zum Quantumcomputer

Seit einigen Jahren nenne ich den unbedingten Willen zur Macht über jedwede Art der Bewegung der Kürze halber Willy P. Er ist der verborgene Gott der Technowissenschaft. Zusammen mit seinem Bruder-Gott Pleon Exia der angebetete Gott des Gewinn-Spiels beherrscht Willy P. den Zeitgeist. Dementsprechend unterwerfen wir uns alle unwissentlich diesen beiden Göttern. Was aber hat Willy P. mit der eindimensional-linearen Zeit zu tun? Antwort: alles. Vor zweieinhalb Jahrtausenden hat Aristoteles die 1D-lineare Zeit entworfen und im Einzelnen durchdacht in seiner Physik. (Die Physik als die Wissenschaft der Bewegung beansprucht heute immer noch mit Erfolg, die fundamentale Wissenschaft zu sein.) Die lineare Zeit (ob gerade oder zyklisch linear macht hier keinen Unterschied), die für die Wirkkausalität (Ursache, dann Wirkung) unerläßlich ist, ist aber von Anfang an und bis heute mit einem Widerspruch zwischen der zählbaren Unendlichkeit der diskret-gezählten Zeit einerseits und der unzählbaren Unendlichkeit der kontinuierlichen Zeitlinie andererseits behaftet. Denn für Aristoteles ist die Zeit beides! Er hat arithmetische Vorstellungen mit geometrischen Vorstellungen der Zeit als einer irgendwie physischen Größe vermengt, genauso wie heute dies noch in der Physik ohne weiteres geschieht. Insofern bleibt die Idee der linearen Zeit  inkohärent.

Seit den Anfängen der griechischen Mathematik ist diese mit der merkwürdigen Inkommensurabilität zwischen den diskreten rationalen Zahlen und dem Kontinuum der irrationalen Zahlen vertraut. Diese
Inkommensurabilität erzwingt später im 17. Jh. mit Descartes, Newton und Leibniz die Erfindung eines merkwürdigen Kalküls, nämlich der Infinitesimalrechnung, um mit der Mathematisierung der Physik als der Wissenschaft der Bewegung ernst zu machen. Denn die Infinitesimalrechnung kittet
nicht ohne Schummeln die Inkommensurabilität zwischen dem Diskreten und dem Kontinuierlichen. Das Schummeln wurde erst in der 2. Hälfte des 19. Jh. durch K. Weierstraß und R. Dedekind einigermaßen behoben. Mit Hilfe der Infinitesimalrechnung wurde nichtsdestoweniger die physische Bewegung in der kontinuierlichen, linearen Zeit durch die Differenzierung sowie die Integration berechenbar. Damit wurde einer erheblichen Machterweiterung von Willy P. Genüge getan.

Um die Jahrhundertwende jedoch wurde eine diskrete Quantisierung der Physik durch Anomalien in der Theorie der elektromagnetischen Strahlung erzwungen (unendliche Energie durch zunehmende Frequenz!). Die Planck-Konstante mußte zum großen Mißfallen der Physiker selbst eingeführt werden, um die Energie, d.h. Beweglichkeit, eines Teilchens zu quantisieren (vgl. Einsteins photoelektrische Experimente 1905). Diese Quantisierung führte letztendlich über Einstein und andere im Jahr 1925 zur Formulierung der Heisenbergschen Quantenunbestimmtheit in der Bewegung von subatomaren Teilchen: die eindeutige, wirkkausale, mathematisierte Herrschaft über die physikalische Bewegung durch die Physik war dahin und mußte zugunsten einer bloßen Wahrscheinlichkeitsberechnung der sog. 'Evolution' von mehrdeutigen dynamischen Zuständen aufgegeben werden. Es widerstrebte Einstein selber zutiefst, die eindimensionale Wirkkausalität (und damit implizit und bis heute unerkannt die eindimensionale Zeit selbst) in der Physik der Teilchen aufzugeben. Aber die Bewegung von Teilchen wie Photonen und Elektronen mußte dennoch diskret quantifiziert werden. Der latente Widerspruch zwischen den diskreten, rationalen Zahlen und dem irrationalen Kontinuum war in der Wissenschaft der Bewegung des Beweglichen offen zu Tage getreten. (Deshalb die Problematisierung des Kontinuums in den 1910er Jahren etwa durch Hermann Weyl in seinem Das Kontinuum 1918.)

Aber Willy P. wäre nicht Willy P., wenn es ihm nicht einfiel, wie die Quantenunbestimmtheit in der Teilchenbewegung doch zu einer Steigerung seiner Berechnungsmacht über die Bewegung führen könnte. Wenn die Quantenunbestimmtheit (bei extrem niedrigen Temperaturen) auf die Wahl zwischen genau zwei verschiedenen dynamischen Zuständen beschränkt werden könnte, dann hätte man Qubits, die in einem unbestimmten Zustand zwischen 0 und 1 schweben. Dieser Schwebezustand, die aus der Superposition von zwei verschiedenen Bit-Zuständen gleichzeitig, ermöglicht die parallele Berechnung mit beiden möglichen binären Bit-Werten gleichzeitig. Dies erlaubt eine exponentielle Steigerung der Anzahl der darstellbaren Konfigurationen. Mit lediglich 30 Qubits steigt die Anzahl der Konfiguration
Anzahl der darstellbaren Konfigurationenauf 2 zu der 30x2=60. Potenz (2exp(60)). Eine Berechnungskraft in dieser Größenordnung würde die Berechnungskraft aller Computer auf der Erde heute übersteigen. Im Vergleich dazu können 30 konventionelle Bits lediglich 2 zu der 30. Potenz (2exp(30)) Konfigurationen darstellen.

In den letzten paar Jahrzehnten haben wir den Einbruch der Cyberwelt in unsere Welt erfahren und stehen noch am Anfang dieser Entwicklung, in der die Cyberwelt progressiv unsere physische und gesellschaftliche Welt in sich absorbieren wird. Mit den kommenden Quantencomputern wird die digitale Berechnungskraft exponentiell steigern
mit unabsehbaren Folgen für unsere Lebensbewegungen in der Welt, denn die Quantenalgorithmen werden zunehmend kybernetisch immer stärker in unsere Lebensbewegungen eingreifen und steuern, was wir tun können und nicht tun können.

Wir werden aber dieses Geschenk von Willy P. der Bequemlichkeit halber und v.a. wegen des Versprechens der Heilung von bisher unheilbaren physischen Krankheiten dankbar annehmen. So werden wir unsere Anbetung von Willy P. unwissentlich fortsetzen, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß die eindimensional-lineare Zeit die Zeit der wirkkausalen Notwendigkeit ist, während erst die Offenheit der dreidimensionalen Zeit, woran wir bisher nicht denken, uns die Bewegungsfreiheit bietet.

Eine ausführliche Darlegung dieser Gedankenlinie ist im langen Anhang zu meinem Movement and Time in the Cyberworld enthalten.