29 September 2021

Fakt und Wahrheit

Wer versteht heute (noch), daß ein Fakt absolut korrekt und dennoch zutiefst unwahr sein kann?

Der Empirismus und der Positivismus machen diese Einsicht unmöglich. 

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Fact and Truth

Who understands today that a fact can be perfectly correct and yet be deeply untrue? 

Empiricism and positivism make this insight impossible.

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05 September 2021

On the Digital Age is out in paperback

A short and pithy introduction to my thinking, with extensive bibliography,
in an interview with MG Michael & Katina Michael
is now available in paperback (84 pp.):

Michael Eldred on the Digital Age: Challenges for Today’s Thinking

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30 August 2021

Social Ontology of Whoness in paperback

A way out of ontological barbarism now in paperback (693 pp.):

Social Ontology of Whoness

Rethinking core phenomena of political philosophy

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07 May 2021

3D-Zeit und das unkalkulierbare Gewinn-Spiel

 Aus einem philosophischem Gespräch

Hier kurz zu einem entscheidenden Mißverständnis deinerseits, wenn du schreibst, daß ich "Bewegungen in der Welt grundsätzlich von Bewegungen ‘in mir’ (mental etc..)" unterscheide. Dieses “in mir” mag wohl für Husserl gelten (der stets mit Innen/Außen operiert, genauso wie Descartes und Kant), aber ich fasse die eigenartige Bewegung der Vergegenwärtigung grundsätzlich als (hermeneutisches Als) eine Bewegung der Psyche in sich selber, d.h. innerhalb der allumfassenden dreidimensionalen Zeit, die keineswegs "in mir" noch außer mir ist, eben weil sie vorräumlich ist. Die 3D-Zeit = Psyche ist nirgendwo! Und die Vergegenwärtigung ist die Bewegung innerhalb der Psyche, wodurch sie als verstehend, vernehmend auf dies oder jenes — einschließlich aber nicht ausschließlich auf sinnlich wahrnehmbare Bewegungen in der Welt — fokussiert. Die Vergegenwärtigung ist die psychische Bewegung durch die 3D-Zeit. Deshalb braucht das Dasein keine Zeit-Maschine, weil es schon eine ist. Und sie hat keine Grenze zwischen Innen und Außen zu überwinden.

Ich unterscheide zwischen der Nennung eines Phänomens und seinem ontologischen Begreifen als einer Seins- bzw. Anwesungsweise. Ohne dieses mein Verständnis der ontologischen Differenz vom hermeneutischen Als her könnte man meine Schriften der letzten Jahrzehnte alle auf den Müll kippen. Dann wäre ich ein sehr, sehr schlechter Schüler gewesen, hätte nichts begriffen...

Z.B. kann das Phänomen Geld benannt und das Geld sehr gut mit seinen verschiedenen wesentlichen Funktionen von jedem verstanden und dementsprechend verwendet werden. Aber das Geld hermeneutisch als eine Form (εἶδος = Anblick des Seins eines Seienden) des verdinglichten Werts zu begreifen, erfordert Einsicht in die (sozio)ontologische Dimension. Damit kann ich in einem nächsten Schritt den Wert (nicht bloß das Geld!) als Medium der Vergesellschaftung (schon wieder eine eigentümliche Bewegung) begreifen.

Die ontologische Auslegung Phänomens Geld als eine Form oder εἶδος des verdinglichten Werts eröffnet die Dimension, in der der Kapitalismus als eine Weise der Vergesellschaftung durch das Medium des verdinglichten Werts begriffen und praktiziert werden kann, nämlich als Verwertungsbewegung des verdinglichten Werts, die alles Wertvolle in sein Kreisen zieht. Die Verwandlung der Wertformen von Ware in Geld oder Geld in Arbeitslohn oder Leihkapital in Zinsen oder Land in Grundrente usw. erfordert jeweils Tauschtransaktionen verschiedener Art (hauptsächlich entweder ein Verkauf oder Verleih), an denen mindestens zwei beteiligt sind. Sie müssen zu einer Übereinstimmung kommen, damit die Transaktion vollzogen wird selbst dann, wenn eine der Parteien einen großen Vorteil in den Verhandlungen hat. Solche Tausch- und Leihbewegungen fallen unter die Rubrik des Vertrags unter Privateigentümern im bürgerlichen Recht.

Daß Dinge und Personen als Privateigentum und Privateigentümer erscheinen und dementsprechend behandelt werden, und daß die ganze wirtschaftliche Bewegung als unzählige Transaktionen unter Privateigentümern (einschl. der Lohnverdiener als Eigentümer ihrer eigenen Arbeitskraft) aufgefaßt wird, verschleiert, daß hermeneutisch-ontologisch gesehen die gesamte Bewegung als Bewegung des verdinglichten Werts geschieht. Die Erscheinungsform Privateigentum verdeckt den verdinglichten Wert und macht ihn unsichtbar.

Daß diese gesamtgesellschaftliche Verwertungsbewegung des verdinglichten Werts nur durch die vielen Tausch- und Leihtransaktionen vermittelt bzw. ermöglicht wird, macht diese Bewegung zu einem Gewinn-Spiel im Medium des verdinglichten Werts unter den vielen Spielern, die jeweils nach ihrer jeweiligen Einkommensart streben. Die Transaktionen finden nur als Züge im Gewinn-Spiel statt und sind wesenhaft unkalkulierbar. Die Spieler im Spiel (die wir alle sind) müssen ihre Gegenspieler gegenseitig einschätzen, um das Gewinn-Spiel zu spielen. Selbst wenn eine der Parteien versucht, die andere geschickt zu manipulieren oder zu erpressen, sind solche Versuche Teil des unkalkulierbaren Machtspiels unter den Spielern. Diese wesenhafte Unkalkulierbarkeit der Spielzüge liegt der Unberechenbarkeit und Krisenanfälligkeit der gesamtgesellschaftlichen Verwertungsbewegung zugrunde.

Die Unberechenbarkeit des Gewinn-Spiels im Medium des verdinglichten Werts unterscheidet sich also wesenhaft von der technisch-wissenschaftlichen Beherrschung von Bewegungen vielerlei Art, die sich als mehr oder weniger wirkursächlich erklärbar erweisen. (Multikausalität oder statistisch signifikante Korrelationen sind lediglich Abschwächungen einer prinzipiell angenommenen Wirkursächlichkeit.) Seit ihrer Geburt und unter dem Druck des positivistischen Denkens strebt die Wiirtschaftswissenschaft bis heute vergeblich an, "Bewegungsgesetze" (Marx) der Wirtschaftsbewegung zu entdecken.

Nun ist das wirtschaftliche Gewinn-Spiel im Medium des verdinglichten Werts exemplarisch dafür, daß die meisten Bewegungen in der Welt nicht wirkursächlich erklärbar sind, und daß die unzähligen wissenschaftlichen Versuche, sie trotzdem so zu erklären, Illusionen sind und auf Scharlatanerie hinauslaufen. Der feste Glaube an der Wirkursächlichkeit geht Hand in Hand mit dem ontologischen Entwurf der Zeit selbst als eindimensional-linear. Um die vielfältige Phänomenalität der Unberechenbarkeit von Bewegungsarten — vor allem spielerischen Bewegungsarten im Gewinn-Spiel sowie allgemeiner im Schätzspiel unter uns Menschen — angemessen hermeneutisch zu verstehen, bedarf es eines anderen Entwurfs der Zeit überhaupt, nämlich als genuiner dreidimensionalen Zeit, mit drei voneinander unabhängigen Dimensionen, die die Bewegungsfreiheit denkerisch erst ermöglichen. "Denkerisch" heiß hier lediglich: daß wir es überhaupt erst sehen und verstehen. Die Vergesellschaftung durch das Medium des verdinglichten Werts ermöglicht erst das Gewinn-Spiel und damit auch die geschichtlich spezifische bürgerliche Freiheit.

Auf diese Weise verstehe ich, wie geschichtlich ein anderer hermeneutisch-ontologischer Entwurf der Zeit selbst notwendig ist, um überhaupt zu begreifen, worin unsere menschliche Freiheit besteht bzw. bestehen könnte. Heute jedoch läuft das Denken blind und geblendet in die ganz andere Richtung des Beherrschenwollens aller Bewegung, selbst wenn es zu einem 'guten Zweck' wie z.B. der Nachhaltigkeit sein sollte.

28 April 2021

Bewegungsphänomene, Schätzspiele

Wie ist ein weiterführenderAbsprung von Heideggers frühem Denken möglich? Die eine Möglichkeit läuft über die Bewegungsphänomene. Diese kommen bei Heidegger in den Brennpunkt seiner Analysen z.B. im WS 1921/22 Phänomenologische Interpretationen zu Aristoteles: Einführung in die phänomenologische Forschung GA61, insbesondere im III. Teil
“1. Kapitel Grundkategorien des Lebens
E. Die Bewegungskategorien. Reluzenz und Praestruktion
a) Die Bewegungskategorien in der Neigung
b) Die Bewegungskategorien in der Abstandstilgung
c) Die Bewegungskategorien in der Abriegelung
2. Kapitel Die Ruinanz
Ruinanz die Bewegtheit, die das Leben in ihm, als es, für sich, aus sich heraus, d. i. gegen sich selbst »ist«”

Dies nur als grober Hinweis darauf, daß für Heidegger das "Leben" (was später in "Dasein" umbenannt wird) als (eine Art bzw. Arten von) Bewegung aufgefaßt bzw. ausgelegt wird, was wohl kaum umstritten werden kann.

Wie in meiner vorigen Post bemerkt geht es im SS 1923 GA63 ausdrücklich darum, den "Seinscharakter" des Daseins in einer passenden zusammenhängenden Begrifflichkeit auszuarbeiten, und zwar in einer "Hermeneutik der Faktizität", wobei in dieser Hermeneutik "Faktizität = jeweils unser eigenes Dasein" (GA63:21). Dabei ist das Dasein nicht der Mensch, sondern eine Seins- bzw. Anwesungsweise, die uns Menschen angeht, an der wir als Menschen teilhaben und die Heidegger auch "Existenz" nennt. Somit werden die Kategorien der traditionellen Ontologie in dieser Daseinsontologie zu Existenzialien. ("Vorhabe der Hermeneutik die eigenste Möglichkeit des Daseins, die Existenz; ihre Begriffe sind Existenzialien" (GA63:16))

"Jeweils unser eigenes Dasein" kann verstanden werden als die Existenz des einzelnen Daseins insbesondere als Selbst. Die Existenz des einzelnen Daseins jedoch ist umfassender als ein vereinzeltes Dasein, sondern — insofern das Selbst eine Selbstwelt hat — umfaßt notwendig auch das Miteinandersein als zum "Seinscharakter" des Daseins gehörig. Dies erfordert aber, daß "das eigene Dasein" eigentlich in einer Pluralität gedacht werden muß: den Einzelnen als Einzelnen 'gibt' es nur im Miteinander. Um dieses Miteinander als Seinscharakter des Daseins zu begreifen, bedarf es u.a. eines Begriffs der eigentümlichen Bewegungsart des Miteinanders, in der Dasein und Dasein sich begegnen. Die betreffende Bewegungsart ist alles andere als ein lineares Nacheinander, sei es als Aktion und Reaktion, d.h. als Interaktion, zu begreifen, sondern als ein gegenseitiges Schätzspiel, in dem die Spieler sich ständig gegenseitig schätzen, und zwar in allen möglichen Schattierungen, die die Phänomenalität des Schätzens hergibt. Von daher könnte man von einem Geschätz aller möglichen Spielarten des gegenseitigen Schätzens (τιμἠ) sprechen, das das Miteinandersein wesenhaft charakterisiert. Soweit ich sehe, hat Heidegger diese Bewegungsart des Lebens bzw. des Daseins als Schätzspiel nicht gesehen, geschweige denn ausgearbeitet.

Die Bewegungsart des gegenseitigen Schätzspiels läßt sich überhaupt nicht von der linearen Zeit des Nacheinander der Jetzte fassen, sondern bedarf als erstes der Offenheit der Gabe der dreidimensionalen Zeit, die erst die Freiheit in der existenziellen Bewegung, d.h. die Bewegungsfreiheit der Spieler im Schätzspiel, ermöglicht. Die Begegnung zwischen Dasein und Dasein ist ein gegenseitiges Geben von Schätzungen des Anderen, das als freies Interplay (Wechselspiel) zu bezeichnen ist, da die Züge in diesem Wechselspiel nicht kausal-linear erfolgen. Denn die drei zeitlichen Dimensionen sind unabhängig voneinander (was Heidegger nicht deutlich sieht), was auch den Spielern selbst viel Spielraum mit überraschenden, unkalkulierbaren Zügen läßt. Damit geht einher, daß erst mit diesem existenziellen Bewegungsbegriff es überhaupt möglich wird, die Bewegtheit des Miteinanders auch als ein Kräfte- und Machtspiel auszulegen, das gewissermaßen zur Kehrseite des gegenseitigen Schätzspiels gehört. Denn die Spieler im Schätzspiel bewegen sich durch die Äußerung ihrer Kräfte und Mächte.

Aus meiner Sicht bedarf ein phänomenal adäquater Begriff der gesellschaftlichen und politischen Macht der Gründung in der existenziellen Ontologie des gegenseitigen Schätzspiels. Soweit ich sehe, ist dies bisher nirgends — weder in der Philosophie noch in den Sozialwissenschaften — geleistet. Dabei ist das gegenseitige Schätzspiel keineswegs ein Vorgestelltes, sondern eine hermeneutische Auffassungs- und folglich eine Anwesungsweise unseres eigenen geteilten Daseins in der Bewegtheit des Miteinanders.

Das Verhältnis des Daseins zur Natur, zu den Dingen, die nicht an der Seinsweise des Daseins teilhaben, kann gleichsam als einseitiges oder verkürztes Schätzen aufgefaßt werden. Bodenschätze z.B. sind als bloße Naturressourcen vergegenständlicht und somit unterschätzt. Die Elektronen z.B. werden skrupellos ausgenützt um des Stroms willen, der als eine physische, technisch beherrschte Bewegungsart unsere eigene Lebensbewegtheit auf der Erde wesentlich unterstützt und erleichtert oder vielmehr sie in dieser modernen Weise der Bequemlichkeit erst ermöglicht. Auch die reine Bewegungsenergie der Photonen wurde von der modernen mathematisierten Physik als solche entworfen, um physische Bewegungsphänomene wirkkausal zu erklären, und so unter die wissende Herrschaft über die physische Bewegung zu bringen. Es wird nicht gefragt, ob dabei das Phänomen Photon unterschätzt worden ist, sondern nur, ob die Auffassungsweise der Photonen als reiner Bewegungsenergie effektiv ist.


25 April 2021

Zu Heideggers Vorlesung SS 1923 GA63

Wie in meiner letzten Post ausgeführt war Heidegger in seinen Vorlesungen 1919/20 GA58 m.E. gar nicht so weit, sondern eiert eher herum, um seinen Weg zu finden. Er ist noch auf der Suche nach einem "Ursprungsverstehen des Lebens" (GA58:139), das es nicht vergegenständlicht. Auch im SS 2020 Phänomenologie der Anschauung und des Ausdrucks GA59 ist er lediglich mit der "Destruktion" zweier Ansätze zur Lebensphilosophie beschäftigt: des Aprioriproblems und des Erlebnisproblems.

Erst 1923 im SS Ontologie (Hermeneutik der Faktizität) GA:63 hat er m.E. die Spur gefunden, die ihn viel weiter bringen wird, und zwar in einer hermeneutischen Ontologie der Faktizität, wobei Faktizität "das eigene Dasein als befragt auf seinen Seinscharakter" (GA63:29) bedeutet. Da erscheint eine durchdachte Begrifflichkeit, die Rede ist nicht mehr vom "Leben", sondern vom "Dasein".

"Die Hermeneutik hat die Aufgabe, das je eigene Dasein in seinem Seinscharakter diesem Dasein selbst zugänglich zu machen, mitzuteilen, der Selbstentfremdung, mit der das Dasein geschlagen ist, nachzugehen. In der Hermeneutik bildet sich für das Dasein eine Möglichkeit aus, für sich selbst verstehend zu werden und zu sein." (GA63:15)

Das je eigene Dasein bleibt von sich selbst entfremdet, solange es seinen eigenen Seinscharakter nicht versteht. Dieses Sich-selbst-Verstehen erfordert Begriffe, nämlich hermeneutisch-ontologische Begriffe, die sich an die Phänomenalität des Daseins anschmiegen und damit zu "Existenzialien" werden.

"Das »Heute« nach seinem ontologischen Charakter, als Wie der Faktizität (Existenz), kann voll erst bestimmt werden, wenn explizit das Grundphänomen der Faktizität sichtbar geworden ist: »die Zeitlichkeit« (keine Kategorie, sondern Existenzial)." (GA63:31)

Hier kommt die Zeitlichkeit, die keine Rolle in GA58 gespielt hat, zum Durchbruch, und das Grundphänomen der Faktizität des eigenen Daseins entpuppt sich als die Zeitlichkeit! Ich bin also die Zeit selbst auf meine je eigene Weise! Du bist also die Zeit selbst auf deine je eigene Weise! Existenziale betreffen nicht, was das Dasein, sondern wer jeweils das Dasein-in-der-Welt eines geschichtlichen Zeitalters ist. Viel später — in seinem Vortrag 'Zeit und Sein' (1962) — wird das Dasein insofern die vierte Dimension der offenen Zeit, als die dreidimensionale Zeit es er-reicht. 1923 ist es jedoch noch nicht so weit: "Das eigene Dasein ist, was es ist, gerade und nur in seinem jeweiligen »Da«." (GA63:29) Und dieses "Da", wie es sich herausstellen wird, ist die je eigene dreidimensionale Zeitlichkeit selbst, wie sie je eigens in ihrer jeweiligen Stimmungsresonanz erfahren wird. Diese Zeitlichkeit ist aber auch das, was wir unentrinnbar miteinander teilen, und somit die ontologisch-existenziale Grundlage alles Miteinanders, alles Wir. Die Zeitlichkeit als Offenheit des Da ist auch die geschichtliche Offenheit für den jeweiligen Seinsentwurf, d.h. für das hermeneutisch-ontologische Gerüst eines Zeitalters, wobei sich die Seinsentwurfe verschiedener Zeitalter auch überlagern können und somit 'koexistieren'. Das hermeneutisch-ontologische Gerüst erfordert eine eigene zusammenhängende Begrifflichkeit, damit der geschichtliche Geist eines Zeitalters explizit (an und für sich) ausgelegt wird. Die "Bedeutsamkeit" von GA58 wird zum "Begegnischarakter der Welt" (GA63 II. Teil, 4. Kap.)

"Es kommt auf hermeneutische Explikation an, nicht weltli­cher Bericht über das, was »los ist«." (GA63:30) Also kein unendliches soziologisches Projekt im Geist des Positivismus, das das Empirische unendlich erforscht und erzählend aufbereitet und so vor lauter Bäume den Wald nicht sehen kann.
 
Mit diesem fundamentalen Verständnis des Grundphänomens des Da des Daseins kann man sich dann weiter an andere Grundphänomene im geschichtlichen hermeneutisch-ontologischen Gerüst heranwagen, um das je eigene Dasein in seiner vollen Phänomenalität zu explizieren, d.h. auszulegen, z.B. an das Grundphänomen der Wertdinglichkeit, die nach Existenzialien, nicht nach Kategorien ruft. Diese Aufgabe wird gestellt, auch wenn Heidegger selbst dieses phänomenologisch-hermeneutische Problem nie gesehen hat. Die einfachen, alltäglich gegebenen Phänomene sollen die Führung für die Aufgaben des Denkens übernehmen und auch als Prüfstein dienen. Geschieht dies nicht, besteht die große, schon längst eingetretene Gefahr, daß die Auseinandersetzung mit Heideggers Denken in eine Gelehrsamkeit abdriftet, und sich damit in einer bloßen Heidegger-Exegese mit dem ewigen Hin-und-Her der Heidegger-Gelehrten zu verlieren. Heidegger-Exegese — wie die ganze Gelehrtenphilosophie heute überhaupt — ist ein ganz netter Zeitvertreib, aber kein schöpferisches Denken, das etwas wagt.